Tag 9 - Lassen Volcanic Nationalpark
Samstag, der 12. September 2026
Wer im Nationalpark schläft, und das auch noch strategisch genial direkt am richtigen Eingang, wird vom Universum belohnt.
Unser Jackpot heute? Ausschlafen! Und wenn ich „ausschlafen“ sage, meine ich die absolute, rekordverdächtige Uhrzeit von 7:20 Uhr!
Ja, du hast richtig gehört. Im normalen Leben ist das die Zeit, in der man sich hektisch den ersten Kaffee über das Hemd schüttet, aber hier im tiefen Wald des Lassen-Volcanic-Nationalparks fühlte es sich an wie Wellness-Urlaub auf Wolke sieben. Wenn das keine pure, unzensierte Erholung ist, dann weiß ich auch nicht.
Die Euphorie hielt genau so lange, bis die Zehenspitzen die Decke verließen. Heilige Eiszeit! Draußen – und gefühlt auch drinnen – herrschten knackige 5 °C. An ein gemütliches Frühstück war absolut nicht zu denken, es sei denn, man mag gefrorene Butter und klappernde Zähne als Hintergrundmusik. Also lautete der eiserne Befehl: Frühstück verschoben! Erst einmal musste „der Dicke“ (unser treues Schlachtschiff von einem Camper) auf Betriebstemperatur gebracht werden. Während die Heizung leise fauchte und versuchte, die arktische Kälte aus dem Innenraum zu vertreiben, machten wir uns auf den Weg zum ersten Abenteuer.
Erster Stopp des Tages: Sulphur Works.
Und was soll ich sagen? Der Park begrüßte uns nicht mit Blümchenduft, sondern mit einer satten, ungefilterten Schelle für die Geruchsnerven. Da war er, der unverwechselbare, herrlich penetrante Duft von Schwefel – oder wie wir Laien sagen: das Aroma von zehntausend überreifen, in der Sonne vergessenen Eiern.
Es war absolut faszinierend. Aus den Felsen zischte und rauchte es, als würde die Erde unter uns gleich eine Riesenparty feiern. Mittendrin hockte eine kleine, sympathische Schlammpfütze, die völlig tiefenentspannt vor sich hin blubberte: „Blubb… Blubb…“ Ein geologischer Whirlpool des Grauens, aber wir konnten den Blick einfach nicht abwenden. Nachdem wir diesen kleinen, olfaktorischen Härtetest überstanden hatten, knurrten unsere Mägen so laut, dass es die Schwefeldämpfe fast vertrieb. Das Frühstück war nun mehr als verdient!
Frisch gestärkt und mit bester Laune steuerten wir das nächste Juwel an: den Emerald Lake. Dieser See ist eine absolute Unverschämtheit – so schön, dass unsere Kameras glatt kapitulierten. Egal wie wir uns verrenkten, das Ding passte einfach nicht als Ganzes aufs Bild. Was macht der moderne Abenteurer von Welt in so einer Liebeskrise mit der Natur? Richtig! Wir riefen den einzig wahren Helden der Lüfte herbei: Flyspy! Unsere treue Drohne hob ab, sirrte wie eine riesige Mücke gen Himmel und lieferte uns die volle, epische Pracht des smaragdgrünen Sees direkt aufs Display.
Während ich noch völlig fasziniert auf den Bildschirm starrte und die Aussicht genoss, spionierte Flyspy heimlich die nächste Kurve aus. Und siehe da: Dahinter blitzte noch ein See auf! Und ein Parkplatz, der aussah wie der Ausverkauf bei einem schwedischen Möbelhaus – rammelvoll.
„Nichts wie hin da!“, hieß es. Als wir ankammen, das gewohnte Bild: Die Pkw-Fahrer kreisten wie hungrige Geier um die Parkbuchten, die Gesichter starr vor Verzweiflung, Schweißperlen auf der Stirn, auf der Jagd nach jedem, der auch nur den Rückwärtsgang einlegte. Und wir? Tja, manchmal hat es eben monumentale, fast schon unfaire Vorteile, mit einem gigantischen Wohnmobil unterwegs zu sein. Für uns normale Autos blockieren? Nö. Denn da standen sie: Drei riesige, komplett leere RV-Plätze. Nur für uns. Wir parkten seelenruhig, fast schon aufreizend langsam ein, machten den Motor aus und winkten den verzweifelten Autofahrern innerlich freundlich zu
Jetzt ging es ans Eingemachte: Unsere erste große Wanderung des Tages stand an, und zwar auf dem absoluten Promi-Weg des Parks – dem Bumpass Hell Trail. Die Schilder drohten direkt mit 1,8 Kilometern, die stramm nach oben führten. Klingt nach Folter, war aber erstaunlich zahm. Die Steigung war so angenehm und der Weg so perfekt präpariert, dass man die Höhenmeter kaum in den Waden spürte.
Allerdings meldete sich eine alte Bekannte zurück: die Faule-Eier-Suppe. Je höher wir kamen, desto intensiver wurde das Aroma. Minute für Minute stieg der Schwefelpegel. Aber die Aussicht! Meine Güte, die Aussicht war so phänomenal, dass wir einfach gezwungen waren, alle paar Meter stehenzubleiben. Natürlich nur, um die Natur zu bewundern – und absolut nicht, weil wir heimlich nach Luft japsen mussten. Hust.
Dann ging es wieder bergab und plötzlich standen wir am ersten Aussichtspunkt. Klack. Das war das Geräusch unserer Kinnladen, die synchron auf den staubigen Boden knallten. Es hat uns komplett aus den Socken gehauen! Vor uns lag er: der Mini-Yellowstone!
Es war eine surreale Kulisse. Extrem heiße, fast unnatürlich leuchtend blaue Seen, kochende Schlammlöcher und gigantische Rauchwolken, die mystisch in den Himmel stiegen. Mitten durch dieses apokalyptische Spektakel führte ein hölzerner Steg. Klar, Island oder der echte Yellowstone sind größer – aber das hier war wie ein exklusives, privates Best-of der Erdgeschichte. Und das Beste? Als wir runterliefen, hatten wir den Steg fast komplett für uns alleine! Die Touristenmassen hatten sich wie durch Zauberei in Luft aufgelöst. Über eine Stunde lang schlenderten wir durch die rauchende Kulisse, machten Fotos als gäbe es kein Morgen mehr und saugten (trotz des Geruchs) die Atmosphäre auf.
Der Rückweg? Nun ja. Die Physik lässt sich nicht austricksen. Was man runterläuft, muss man auch wieder rauf. 450 Meter ging es quasi senkrecht nach oben. Unsere Lungen fluchten, aber wir bissen uns durch, schafften den Gipfel und rollten die restliche Strecke gemütlich bergab zum Camper. Nach 4,5 Kilometern in den Knochen war es Zeit für eine wichtige Amtshandlung: Eine feierliche Huldigung an Petrus! Der Wettergott hatte heute nämlich absolut geliefert: 24 Grad, strahlender Sonnenschein, Postkarten-Wolken und ein sanfter Wind, der uns die Schwefeldämpfe aus den Haaren pustete. Danke, mein Bester.
Wir waren aber noch lange nicht fertig. Wir hatten noch Saft auf den Batterien, Energie im Tank und Bock auf mehr Natur. Also ab zum Cold Boiling Lake Trail. Zwei Kilometer, absolut flach, ein Spaziergang zum Entspannen – dachten wir. Der See selbst war ehrlich gesagt... ein bisschen unspektakulär. Eine ziemliche Enttäuschung nach dem blauen Wunder von vorhin. Aber das Highlight lauerte in den Wiesen daneben: Eine kleine Pfütze, die völlig ohne Herdplatte oder Gasbrenner wild vor sich hin kochte. Gruselig, cool und definitiv das Foto wert!
„Einen schaffen wir noch!“, rief der Übermut. Und was gibt es Besseres als ein Trail-Finale mit einem Wasserfall? Also Vorhang auf für den Kings Creek Falls Trail. Knapp 5 Kilometer lang. Das klang nach einem netten Nachmittagsspaziergang. Spoiler: Es wurde ein epischer Kampf gegen die Schwerkraft.
Der Weg begann mit einem brutalen Abstieg. Während wir fröhlich nach unten hüpften, flüsterte die fiese kleine Stimme im Hinterkopf schon: „Das müsst ihr nachher alles wieder hochlaufen, ihr Genies...“ Aber erst einmal war es wunderschön. Wir wanderten idyllisch an einem plätschernden Bach entlang. Romantik pur. Bis der Weg beschloss, uns zu brechen. Es ging steil nach oben, gefolgt von einem extremen Abstieg über rutschige Steinstufen. Meine Oberschenkel schickten in diesem Moment bereits die ersten schriftlichen Kündigungen ab. Das schrie nicht nur nach Muskelkater für morgen, das schrie nach einem medizinischen Wunder, wenn wir hier ohne Rollator wieder rauskommen
Aber dann standen wir vor ihm: dem Kings Creek Wasserfall. Ein Traum aus herabstürzendem, weißem Wasser, umrahmt von wilden Klippen. Er war jeden einzelnen Schweißtropfen wert.
Nach einer kurzen Atempause kam die Stunde der Wahrheit: Der „One Way“-Rückweg nach oben. Und dieser Pfad kannte keine Gnade. Es war steil, es war anstrengend, und die Sonne hatte beschlossen, die Temperatur noch mal ordentlich hochzudrehen. Wir schnauften wie alte Dampfloks. Aber die Aussicht direkt neben dem Trail war so unfassbar spektakulär, dass man gar nicht anders konnte, als die Schmerzen wegzulächeln. Man kann sich an dieser Natur einfach nicht sattsehen!
Völlig k.o., staubig, aber mit einem fetten Grinsen im Gesicht erreichten wir wieder den Camper. Jedes normale Paar hätte jetzt Feierabend gemacht. Aber nö, wir hatten immer noch nicht genug! Ein kleiner Bonus-Trail geht schließlich immer.
Für diesen mussten wir den Nationalpark schweren Herzens verlassen. Da auf der Route aber ohnehin nur noch kleinere Aussichtspunkte kamen, tat der Abschied nicht allzu weh. Vor der Abfahrt nutzten wir aber noch den genialen (und vor allem kostenlosen!) Service des Parks: Dumping-Time! Abwasser raus, frisches Wasser rein – der Dicke war wieder einsatzbereit. Lassen-Volcanic-Nationalpark, du warst spitze! Keine Menschenmassen, Traumwege, pure Wildnis. 10 von 10 Punkten!



Nächster Stopp: Die Subway Cave – eine gigantische, unterirdische Lavaröhre. Problem: Mit unserem RV durften wir nicht auf dem offiziellen Höhlenparkplatz stehen. Die Lösung? Ein kleiner Zubringer-Trail. Noch mal 2 Kilometer obendrauf! (Gesamtzähler für heute: weit über 12 Kilometer!).
In der Höhle angekommen hieß es: Taschenlampen an, denn hier drin war es stockfinster. Man sieht die eigene Hand vor Augen nicht. Wir tasteten uns durch die kühle, uralte Lavaröhre, alberten herum und kamen am anderen Ende der Erde wieder ans Tageslicht. Ein super witziges Abenteuer für zwischendurch!
Der Tag neigte sich dem Ende zu und die Beine flehten um Gnade. Unser finales Ziel für heute: die legendären Burney Falls. Eine halbe Stunde Fahrtzeit im warmen Camper tat richtig gut. Da es sich um einen State Park handelt, kostet der Eintritt für ein RV 20 USD. Eine Campsite (ein Schlafplatz) auf dem Campingplatz kostet 31 USD. Kurz gerechnet: Bevor wir 20 Dollar nur fürs Parken zahlen und dann abends im Dunkeln einen Schlafplatz suchen, nehmen wir doch direkt die Campsite für 31 Dollar und schlafen wie die Könige!
Auf Stellplatz 111 zirkelte ich den Dicken mit der Präzision eines Schweizer Uhrmachers und der Coolness eines Formel-1-Fahrers rückwärts rein. Passt, wackelt nicht und hat Luft! Da wir die Füße immer noch nicht stillhalten konnten, sprinteten wir sofort vor zum Overlook.
Und da lagen sie vor uns im Abendlicht: die Burney Falls. Schon von oben ist dieser Wasserfall eine absolute Wucht. Das Wasser bricht aus allen Ritzen der Felswand, ein magischer Anblick. Wir freuten uns in diesem Moment schon wie kleine Kinder auf morgen früh, wenn wir den 1,8 Kilometer langen Rundweg direkt unten am Wasserbecken in Angriff nehmen.



Was für ein bombastischer Abschluss eines genialen Tages! Den Rest des Abends verbrachten wir genau so, wie es sich gehört: Wir saßen draußen vor dem Camper, haben gelacht, bis die Bäuche wehtaten, den Grill angeschmissen und einfach das süße Leben mitten in der Wildnis genossen. Morgen kann kommen – der Muskelkater übrigens auch!


Gefahrene Kilometer: 123




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