Tag 6 - Yosemite Nationalpark
Mittwoch, der 9. September 2026
Der Wecker klingelt. Schon wieder. Gefühlt haben wir gerade erst die Augen zugemacht. Jule schaut mich aus kleinen, verschlafenen Augen vorwurfsvoll an.
Ihr Blick sagt ganz klar: „Du hast gesagt, wir machen Urlaub! Urlaub bedeutet AUSSCHLAFEN!“
Tja, Pustekuchen. Wer die großen Touristenmassen im Yosemite Nationalpark überlisten will, muss eben aufstehen, bevor die Vögel überhaupt an das erste Zwitschern denken. Immerhin tröstet uns ein Gedanke: In ein paar Tagen sind wir in ganz anderen Regionen unterwegs. Regionen, in denen der Wecker hoffentlich erst klingelt, wenn die Sonne schon ordentlich am Himmel steht.
Aber heute nicht. Nach einem absoluten Rekord-Sprint von genau fünf Minuten sind wir abfahrbereit. Wir springen ins Cockpit und steuern zielsicher – so denken wir zumindest – den Parkplatz vom Lower Yosemite Fall an.
Das Problem: Der Parkplatz hat im Dunkeln anscheinend eine Tarnkappe auf. Schilder? Fehlanzeige! Ehe wir uns versehen, sind wir vorbeigedüst.
Und wer den Yosemite kennt, weiß, was das bedeutet: Das magische Wort heißt Einbahnstraßensystem. Einmal falsch abgebogen, und du darfst eine gefühlte Weltreise im Kreis fahren, um es noch einmal zu versuchen.
„Nö, nicht mit uns!“, beschließen wir spontan. Planänderung! Wir werfen das Steuer rum und steuern stattdessen den Bridalveil Fall an.
Triumph auf ganzer Linie: Als wir auf den Parkplatz rollen, steht hier noch kein einziges anderes Auto. Luxus pur! Wir schmeißen sofort den Generator an, werfen uns flink etwas Wasser ins Gesicht und starten die Kaffeemaschine. Ein schnelles Frühstück im gemütlichen RV, und pünktlich mit den allerersten Sonnenstrahlen stehen wir in den Startlöchern.


Der Trail zum Wasserfall ist kurz und knackig. Ich hatte mich ja im Vorfeld schon schlau gemacht und wusste, dass die Wasserfälle hier im September eher auf Sparflamme laufen. Aber was uns dann erwartet, zieht uns kurz die Schuhe aus. Wasserfall? Welcher Wasserfall? Wir stehen vor einer gewaltigen Felswand und können die herabstürzenden Wassermassen eigentlich nur mit ganz viel Fantasie erahnen. Es ist eher ein trauriges Tröpfeln.
Aber die Natur hat Mitleid mit uns und schickt uns ein Trostpflaster vorbei: einen wunderschönen, tiefblauen Vogel! Es ist ein Diademhäher (Steller’s Jay), und der Kleine hat heute absolut keine Lust auf Berührungsängste. Stattdessen wirft er sich in Schale, hüpft vor sich her und posiert für uns wie ein Profi-Model auf dem Laufsteg. „Schau mal von links, jetzt meine Schokoladenseite von rechts!“ – wir knipsen um die Wette.
Da der Lower Yosemite Fall nur zehn Minuten entfernt ist, siegt trotz allem die Neugier. Also hin da. Und wie zu erwarten war: Wenn der Bridalveil Fall schon weint, ist der Lower Yosemite Fall komplett im Streik. Das Flussbett ist staubtrocken. Schade! Aber ein echter Roadtripper lässt sich davon nicht die Laune vermiesen. Wir haken das Valley ab und fahren zu unserem selbsternannten Geheimfavoriten: Hetch Hetchy!
Nach einer Stunde Fahrt durch wunderschöne Kurven erreichen wir voller Vorfreude das Eingangshäuschen. Doch die Romantik verfliegt in Sekundenschnelle. Der Blick der Rangerin fällt auf unser mobiles Zuhause und sie schüttelt direkt den Kopf: „RVs und Trailer müssen sofort hier vorne parken. Die Straße ist zu eng.“
Ich schaue sie ungläubig an. Auf unseren offiziellen Parkkarten steht doch schwarz auf weiß, dass Fahrzeuge bis zu 25 Fuß Länge diese Strecke befahren dürfen! Ja, theoretisch schon – praktisch sind die modernen Wohnmobile aber oft viel zu breit für die engen Kurven, und die Ranger wollen hier oben einfach kein Chaos riskieren.
Ich frage noch: „Und wie kommen wir jetzt zum See?“
Die Rangerin verzieht keine Miene, schaut mich staubtrocken an und sagt nur ein einziges Wort: „Wandern.“
Is klar! Ich laufe doch jetzt nicht mal eben 8,4 Meilen hin und 8,4 Meilen zurück – das sind verdammt noch mal über 27 Kilometer an einer asphaltierten Straße entlang – nur um danach unseren eigentlichen Wanderweg von 7 Kilometern zu starten! Am Ende des Tages wären wir wahrscheinlich als Skelette geendet.



Wir steigen wieder ins Auto, und im Cockpit herrscht erst einmal dicke Luft. Wir sind traurig, enttäuscht und auch ein bisschen sauer. Hätte man diese RV-Breiten-Regelung nicht einfach DEUTLICH auf die verdammte Parkkarte drucken können?! Dann hätten wir uns über eine Stunde komplett sinnlose Fahrzeit gespart. Yosemite und wir – das ist heute definitiv keine Liebesgeschichte.
Es bleibt uns also nur noch die Flucht nach vorne über die berühmte Tioga Road. Und was soll ich sagen? Diese Straße rettet uns den Tag, die Laune und unseren Glauben an die Natur!
Bisher konnten wir dem Yosemite ehrlich gesagt nicht ganz so viel abgewinnen – trotz der schönen Postkarten-Aussichten war es uns einfach zu voll, zu schlecht kommuniziert und zu stressig. Aber die Tioga Road? Ein absoluter Traum! Kaum Verkehr, entspanntes Dahingleiten und Aussichtspunkte, die sich gegenseitig im Sekundentakt übertrumpfen. Hinter jeder Kurve glitzert uns ein neuer, tiefblauer Bergsee entgegen. Das hier ist das wahre Paradies für Naturfreunde!
An einem besonders schönen Plätzchen packen wir unseren fliegenden Begleiter „Flyspy“ aus. Die Drohne surrt in den Himmel, und durch ihre Kamera-Augen bekommen wir ein Panorama geliefert, das uns glatt den Atem raubt. Von hier oben sieht die Welt einfach gigantisch aus. Der Frust vom Vormittag ist wie weggeblasen!
Ein großes Ziel haben wir für heute aber noch auf dem Zettel: das Devils Postpile Nationalmonument mit seinen berühmten Basaltsäulen. Doch das Schicksal (oder der Straßendienst) hat heute andere Pläne. Auf halber Strecke haben wir für drei Sekunden stabiles Internet. Ich nutze die Chance für einen schnellen Check – und kriege fast den nächsten Vogel.
„Wegen Fahrbahnerneuerung von Montag bis Mittwoch komplett gesperrt.“
Na klasse, heute ist Mittwoch. Das gibt es doch einfach nicht! Schon wieder eine Straßensperre, die uns einen Strich durch die Rechnung macht. Ein echter Satz mit X.
Wir halten am Straßenrand und halten Krisensitzung. Drehen wir um? Fahren wir den alten Routenplan stur weiter? Ich blicke auf den Kalender. Morgen ist mein Ehrentag. Und ich weiß ganz genau, was die nächsten Tage auf dem Plan steht. Ich will an meinem Geburtstag an einem Ort sein, den ich absolut liebe. Ich will Wärme, ich will spektakuläre Landschaften und keine gesperrten Straßen.
Daher treffen wir eine spontane, goldene Entscheidung: Wir werfen den aktuellen Plan über Bord und steuern einen Park an, den wir vor acht Jahren – fast auf den Tag genau (am 12. September) – schon einmal besucht haben.
Das Problem: Der Weg dorthin ist kein Katzensprung. Es liegt ein echter Marathon-Ritt vor uns.
Dank eines Fahrerwechsels spulen wir die Meilen ab wie die Profis. Die Landschaft verwandelt sich vor unseren Fenstern. Die grünen Bäume weichen roten Steinen, die Berge werden flacher, die Luft wird flimmernder. Die letzten 100 Kilometer sind ein absoluter landschaftlicher Traum und fühlen sich an wie die Fahrt auf einem anderen Planeten. Jeder Meter schreit uns entgegen: „Ihr habt alles richtig gemacht! Genau hier musstet ihr her!“
Punkt 17 Uhr rollen wir auf unseren Campground. Die oberste Priorität bei der Platzwahl heute: STROM! Full Hookup! Warum? Weil wir ohne eine auf Hochtouren laufende Klimaanlage in diesem RV heute Nacht schlichtweg elendig eingehen würden.
Wir sind im Death Valley gelandet! Dem heißesten Ort der Erde.
Hier in unserem kleinen Wüsten-Dörfchen herrschen ganz eigene Gesetze: Draußen kochen ist wegen der extremen Trockenheit und Brandgefahr strengstens verboten. Aber ganz ehrlich? Bei der Hitze hab nicht mal ich Lust, sich freiwillig an einen heißen Außengrill zu stellen. Stattdessen verkrümeln wir uns in die eiskalt heruntergekühlte Oase unseres Wohnmobils.
Die Küche bleibt heute simpel, aber lecker: Es gibt Nudeln mit einer würzigen Tomaten-Muschelsoße. Perfektes Komfort-Food nach einem langen Tag auf Achse.
Die Hitze diktiert hier draußen den Rhythmus. Morgen heißt es deshalb direkt wieder: Raus aus den Federn! Ab 11 Uhr vormittags klettert das Thermometer hier auf sportliche 38°C – da schmilzt man schon beim Hinsehen. Und die Nacht? Die verwöhnt uns mit „kuscheligen“ 27°C Mindesttemperatur.
Was für ein Tag. Voller Pannen, voller Planänderungen, aber am Ende mit dem absolut perfekten Ziel belohnt. Morgen wird Geburtstag in der Wüste gefeiert!
Gefahrene Kilometer: 537
Davon Jule: 251




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