Tag 2 - der Roadtrip kann beginnen
- Tobi

- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Stunden
Samstag, der 5. September 2026
05:30 Uhr – Das biologische Uhrwerk schlägt zu
Die Augen fliegen auf. Draußen herrscht noch tiefste Nacht, aber mein Gehirn meldet: Guten Morgen, die Welt wartet! Während normale Menschen im Urlaub jetzt weinend das Kissen über den Kopf ziehen würden, verkünde ich Jule stolz meinen Triumph über die Wissenschaft: „Ich habe keinen Jetlag. Das ist meine ganz normale Aufstehzeit!“ Jule würdigt mich eines Blickes, der irgendwo zwischen tiefem Mitleid und der Androhung von Gewalt schwankt.
Nach dem morgendlichen „Schönheitswahnsinn“ im Bad stürmen wir das Hotelfrühstück. Erste bittere Enttäuschung des Tages: Das Buffet ist ein kulinarischer Totalausfall. Wir retten uns mit etwas Rührei und einer Alibi-Waffel für Jule über die Runden

Da wir gefühlt noch das halbe Leben Zeit haben, steuern wir den nächsten Walmart an. Die bittere Realität holt uns auf dem Parkplatz ein: Es ist nur ein „Nachbarschafts-Walmart“. Die Mini-Version. Kein großes Angebot, kein Camping-Zubehör. Nicht mal einen winzigen Gasgrill haben die!
Plan B: Wir fahren einfach 1,5 Stunden zu früh zum Camperverleih El Monte. Fragen kostet ja nix! In der Hauptzentrale angekommen, kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier stehen Wohnmobile herum, die größer sind als manche deutsche Mietwohnung. Wir inspizieren alles akribisch. Doch die Ernüchterung folgt prompt: Unseren „Dicken“ gibt es erst pünktlich um 10:30 Uhr. Bürokratie schlägt Spontaneität.

Um die Wartezeit zu überbrücken, flüchten wir in den Lowe’s Baumarkt nebenan. Wer US-Baumärkte kennt, weiß: Hier herrschen glasklare Prioritäten. Du betrittst den Laden, wirst vom kompletten Halloween-Wahnsinn erschlagen und stolperst sofort danach in die Grillabteilung. Und das ist keine mickrige Ecke, sondern ein glänzendes Imperium aus Edelstahl.
Und dann passiert es. Schockverliebt. Herzklopfen. Schmetterlinge im Bauch, die Walzer tanzen. Vor mir steht er: Mein absoluter Traumgrill. Ein Prachtexemplar! Ich suche nach Worten und will schon die Kreditkarte zücken. Doch dann schlägt die Stunde der bitteren Vernunft – auch bekannt als Jule. Sie zerrt mich eiskalt weiter. Ich kann natürlich nicht anders und bleibe beim Weitergehen in Sichtweite zu meiner großen Liebe. Immerhin: Einen Gang weiter finden wir den Trostpreis – einen kleinen, praktischen Kompakt-Gasgrill für schlappe 28,35 €.


An der Kasse ist noch nicht viel los und so werden mit drei Mitarbeitern auf einen Smalltalk eingeladen. Gucken wie oft wir das heute noch erleben dürfen.
Beim verlassen, flüstere ich ein wehmütiges: „Tschüss, mein Schöner…“ zurück in Richtung Edelstahl-Himmel.
Zurück bei El Monte beginnt das große Zittern. Daten abgleichen, Kaution hinterlegen, der Rest war eh schon online erledigt. „Noch 5 Minuten warten, dann werden Sie abgeholt“, flötet die nette Mitarbeiterin. Perfekt, denken wir. In 45 Minuten müssen wir schließlich bei Avis sein, um den Mietwagen abzugeben. Das sollten wir doch schaffen.
Doch die Zeit verstreicht. Aus 5 Minuten werden 15. Dann 25. Hinter dem Tresen sitzt die Dame, lächelt mitleidig und murmelt wie in Trance ihr Mantra: „Just five minutes, gleich ist er fertig.“ Es ist mittlerweile 11:10 Uhr. Der Zeitplan brennt lichterloh! Ich muss eine schwere Entscheidung treffen: Ich lasse Jule im El-Monte-Haifischbecken zurück, damit sie die Camper-Einführung alleine wuppt, und sprinte los zu Avis.
Dort angekommen die nächste Geduldsprobe: Acht Leute vor mir in der Schlange, die Angestellten bewegen sich in Zeitlupe. Doch als ich endlich dran bin, das Wunder: Nach exakt 15 Sekunden bin ich den Mietwagen los. In genau diesem Moment ploppt eine Nachricht von Jule auf meinem Handy auf. Mein Herz rutscht in die Hose: „Wir müssen den Camper tauschen, er ist defekt.“ Na prima!
Weitere 40 Minuten des Wartens vergehen, in denen ich insgeheim hoffe, Jule hätte aus schlechtem Gewissen noch schnell bei Lowe’s gestoppt, um mein Geburtstagsgeschenk (den Traumgrill!) abzuholen…
Spoileralarm: Hat sie natürlich nicht. Stattdessen biegt sie sichtlich genervt, aber im neuen, funktionierenden Camper um die Ecke. Schweiß von der Stirn wischen, Sachen verstauen und das Abenteuer kann beginnen.

Der „Dicke“ entpuppt sich als absoluter Glücksgriff: super modern und fährt sich wie eine Eins. Die ersten 60 Meilen durch San Jose sind zwar ein zähes, nervenaufreibendes Stop-and-Go-Spielchen auf der Autobahn, aber danach öffnet sich vor uns das weite Land.
Wir legen einen Boxenstopp beim nächsten Groß-Walmart ein und krallen uns alles, was vorhin gefehlt hat. Die restliche Stunde fliegen wir förmlich durch die unendlichen Felder. Und dann trifft sie uns: Eine unsichtbare Wand aus intensivem, schwerem Geruch. Avocado- und Knoblauchfarmen, so weit das Auge reicht! Am Straßenrand werden die Früchte tonnenweise zu absoluten Spottpreisen verramscht. Wir trauen unseren Augen kaum: 30 frisch geerntete Avocados für gerade mal 1 USD! Ein Paradies für Sparfüchse. Als wir sehen, dass hier sogar Knoblaucheis verkauft wird, überlegen wir kurz… schütteln uns dann aber synchron vor Ekel und geben lieber Gas. Man muss es ja nicht übertreiben.
Punkt 17 Uhr erreichen wir mit dröhnenden Motoren unser Tagesziel: Den Nationalpark. Wir stürmen das Besucherzentrum, holen Infomaterial und – oberste Priorität für das Seelenheil – Jule bekommt endlich ihren heißgeliebten Stempel ins Heft.

Dann der nächste Dämpfer: Der Campingplatz im Park ist rammvoll. Kein freier Platz mehr. Zeit für Improvisation! Ich werfe die iOverlander-App an Und was soll ich sagen?
Wir finden einen alternativen Stellplatz außerhalb des Parks. Und der ist nicht nur schöner als der originale Platz und bietet die absolut gigantischere Aussicht, sondern er ist auch noch komplett kostenlos. Perfekt!
Da der Nationalpark abends schließt, stirbt der Verkehr um uns herum komplett. Nur zwei andere Camper gesellen sich später in sicherem Abstand zu uns. Drinnen beginnt die Aufteilung der Arbeit: Jule übernimmt das akribische Auspacken der Koffer, während ich mich den lebenswichtigen Aufgaben des Mannes widme. Ich baue heroisch unseren 28-Euro-Grill auf, brenne ihn fachmännisch ein und starte die Drohne („Flyspy“) für einen Erkundungsflug.




Eigentlich war der Plan, jetzt diesen Bericht zu tippen. Aber Petrus hat andere Pläne für uns. Als die Nacht hereinbricht, löscht jemand da oben das Licht aus und knipst das größte Naturschauspiel an.
Vor uns erstreckt sich der gigantische, funkelnde Sternenhimmel der Milchstraße – der schönste seit unserer Reise in die Wüste von Wadi Rum!
Wir schnappen uns die Campingstühle, machen uns ein Kaltgetränk auf, zählen andächtig die Sternschnuppen und genießen das absolute, magische Schweigen der Wildnis. Was für ein grandioser, chaotischer und am Ende absolut perfekter Start. Danke, Petrus! Morgen bitte genau so weiter!




Gefahrene Kilometer: 270
Davon Jule: 8



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