Tag 5 - Kings Canyon Nationalpark
Aktualisiert: vor 7 Stunden
Dienstag, der 8. September 2026
Ein gellender Wecker? Nein. Wir wachen einfach so auf. Um sechs Uhr morgens! Auf unserem idyllischen Campground herrscht noch trügerischer Frieden. Wir ahnen noch nicht, welcher Wahnsinn uns heute noch erwarten wird.
Wir starten das Wohnmobil-Ungetüm und werfen uns auf die Straße. Der Camper jault auf, während wir unbarmherzig Höhenmeter schrubben. Die Aussicht? Absolut brutal genial. So genial, dass man fast vergisst, dass man ein tonnenschweres Schiff durch die Klippen steuert.
Drei Trails haben wir uns heute vorgenommen, doch leider kommt man zu den ersten Beiden nur über eine schmale Sandstraße. Selbst mit PKW würde ich überlegen, ob man die fährt, aber mit dem Camper lassen wir es gleich sein.
Es bleibt uns also „nur“ der The Grant Tree Trail. Wir springen aus dem Wagen und – BÄM! – werden wir psychisch von einer Armee aus gigantischen Mammutbäumen erschlagen.
Diese Dinger sind so riesig, dass man sofort akute Nackenstarre bekommt. Ein umgestürzter Baum-Titan, der zu einem Tunnel umfunktioniert wurde, weiß gleich zum Anfang des Weges zu gefallen.
Wir wandern einfach durch das Innere eines Baumes.
Nach zwei Stunden im Wald steht fest: Der Trail hat den gestrigen Tag komplett geschlagen. Und das, obwohl sich kein einziger Bär für ein Duell gezeigt hat.
Fun Fact für die Geschichtsbücher: Wir haben heute Nacht im tiefsten Tal Nordamerikas geschlafen – 2500 Meter tief im Kings Canyon!
Zwei wirklich tolle Nationalparks, die miteinander verbunden sind, gehen für uns nun zu Ende.
Doch es geht diesmal Schlag auf Schlag und wir steuern heute noch den Yosemite Nationalpark an.
Vorher müssen wir aber in der Stadt Frenso bei Camping World anhalten.
Denn am ersten Tag ist der einzige Schlüssel für die Klappen draußen abgebrochen (ich sag jetzt mal nicht, wem das passiert ist). So kommen wir momentan nicht an den Dumping bzw. Wasserschlauch ran und wir bald einmal leeren und nachfüllen müssen, hoffen wir, dass sie dort einen Ersatzschlüssel für uns haben.
Wir stürmen den Laden und prallen direkt am Infoschalter ab. Dort sitzen sie: Zwei fauchende Schalter-Hexen.
„Schlüssel? Haben wir nicht! Machen wir nicht! Gibt's nicht!“, zischen sie uns entgegen.
Doch wir riechen die Lüge. Das Internet sagt was anderes! Wir umgehen die Blockade, schleichen uns zum Serviceschalter und werden sofort von drei hilfsbereiten Mitarbeitern in Beschlag genommen.
„Schlüssel nachmachen? Gar kein Thema, her mit der Nummer!“
Während die Maschine glüht, müssen wir zur Ablenkung Dauer-Smalltalk mit der Belegschaft führen und unsere gesamte Route offenlegen.
Nach zehn Minuten dauerreden ist das Werk vollbracht. An der Kasse wird alles für den Vermieter El Monte vorbereitet – wir kriegen das Geld ja wieder.
Bevor wir das Gebäude verlassen, reitet mich der Teufel. Ich nehme den neuen Schlüsselbund, pirsche mich lautlos von hinten an die beiden Info-Hexen heran und lasse die Schlüssel direkt vor ihren Gesichtern unbarmherzig klimpern! Klingeling!
Die eine beißt sich vor Schreck fast die Zunge ab, die andere verliert das Gleichgewicht und segelt beinahe vom Stuhl. Ich bin ja wirklich kein schlechter Mensch... aber in diesem Moment war die Schadenfreude einfach göttlich!
Wenn wir schon mal in einer Stadt wieder sind, gehen wir noch bei Walmart bei Kleinigkeiten holen und tanken den Camper voll, bevor es wieder mit den Serpentinen los geht oder die Tankpreise im Nationalpark unser Budget sprengen.
Nun haben wir noch gute zwei Stunden fahrt vor uns.
Eine Stunde vor dem Yosemite-Eingang der Schock: Die Straßen sind verstopft. Gefühlt ganz Amerika will heute in diesen Park!
Im Visitor Center sichert sich Jule Stempel Nummer 4 in 4 Tagen. Ein Schnitt wie bei Hertha BSC (5 Spiele, 5 Siege.

Insgesamt gibt es 4 Abschnitte, die alle miteinander mehr oder weniger verbunden sind, außer einer natürlich. Der Glacier Point. Da wir dort ab morgen nicht mehr lang fahren, gucken wir uns den heute an und suchen danach unseren Campingplatz auf.
Die Strecke dorthin dauert 30 Minuten und ist wieder sehr kurvig. Doch Aussicht übertrifft mal wieder alles und Jule hört nicht mehr auf zu schwärmen. Ich kann sie leider nicht ganz so gut genießen, da ich nur am Kurvenfahren bin (aber das macht mir auch sehr viel Spaß).
Am Parkplatz eskaliert die Situation. Meine Geduld? Hält exakt zwei Minuten.
Der untere Parkplatz ist ein Schlachtfeld, alles dicht. Der obere Parkplatz (nur mickrige 25 Stufen weiter oben!) ist fast komplett leer!
Aber weil 80 % der Menschheit anscheinend unter akuter Bewegungsverweigerung leidet, blockieren sie lieber den unteren Bereich und warten stundenlang auf Ausparker.
Mein Puls explodiert auf 200! Selbst Jules Ruhepuls schießt für ihre Verhältnisse auf lebensbedrohliche 112 hoch!
Nach 15 Minuten erbittertem Nervenkrieg krallen wir uns endlich den RV-Parkplatz. Wir jagen die Stufen runter – und dann bleibt die Welt stehen. Das Panorama, das uns begrüßt, sprengt jede Vorstellungskraft. Es wirkt so perfekt, so gigantisch, dass es fast illegal unnatürlich aussieht. Ein Anblick, der uns komplett die Sprache verschlägt.
Nach gefühlten ewigkeiten treten wir leider den Rückweg an und machen uns auf zum Yosemite Valley.
An einem Aussichtspunkt machen wir noch einen kurzen Foto stopp und das erste Mal einen Fahrerwechsel, nach 196 Meilen (fast nur Kurven).


Jule übernimmt das Steuer und brettert uns so sicher wie eine hochprofessionelle Crashtest-Dummy-Pilotin zum Campingplatz.
Das gesamte Valley ist bis auf den letzten Zentimeter ausgebucht. Die Massen drängen sich. Doch nicht auf Site 37 im North Pines – das ist heute Nacht unsere Festung!
Und das Beste: Hier herrscht kein Feuerverbot! Bei lauschigen 24 Grad Nachttemperatur mutiert der ganze Platz zum Camp der Feuerteufel, überall lodern die Flammen.
Wir werfen sofort unseren Grill an und zaubern ein exquisites Luxus-Dinner: Maiskolben!
Während der Mais vor sich hin brutzelt, schmieden wir den Plan für morgen. Wir haben das Ausmaß des Touristen-Ansturms gesehen. Wir wissen, was uns blüht. Deshalb fassen wir einen logischen Entschluss: Der Wecker wird gnadenlos auf 05:30 Uhr gestellt!
Morgen jagen wir die Trails im Morgengrauen, bevor die Blechlawine rollt. Uns kriegt kein Parkplatz-Pulsschock mehr! Gute Nacht aus der Wildnis!
Gefahrene Kilomer: 345
Davon Jule: 29




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