Tag 11 - Redwood Nationalpark
Aktualisiert: vor 6 Stunden
Montag, der 14. September 2026
Der Nebel zieht langsam an uns vorbei – und die Zeit gleich mit ihm.
Man mag es kaum glauben, aber die Uhren ticken plötzlich anders: Wir schlafen heute tatsächlich bis sage und schreibe 7:50 Uhr! Für gestandene Roadtripper ist das quasi mitten am Mittag. Aber genau in diesem Moment spüren wir es ganz deutlich: Wir sind nun endlich, final und absolut unumkehrbar im Urlaubsmodus angekommen. Keine Hektik, kein Stress, einfach nur in den Tag hineinleben.
Da die Natur da draußen vor dem Fenster aber beschlossen hat, uns absolut gar nichts von der Landschaft zu zeigen, schmieden wir einen Plan. Wir werfen den Motor an und rollen erst einmal rüber zum Visitor Center. Die Mission: Das Internet anzapfen, damit ich den epischen Bericht vom Vortag endlich in die Heimat abschicken kann. Die Daheimgebliebenen warten schließlich sehnsüchtig auf Futter!
Da das Center erst um 9:00 Uhr seine Pforten öffnet, nutzen wir die Wartezeit wie echte Profis: Wir frühstücken erst einmal eine Runde in aller Seelenruhe im warmen Wohnmobil. Als die Türen sich endlich öffnen, herrscht klare Aufgabenteilung: Jule stürmt den Tresen für ihren heißgeliebten Nationalpark-Stempel, während ich beim Ranger die Karten für den Park organisiere.
Und dann folgt der kolossale Dämpfer. Ein einziger Blick auf die Wanderkarte reicht aus, um unsere Träume von den unendlichen Riesenbaum-Wäldern zerplatzen zu lassen wie eine Seifenblase.
Die bitterste Erkenntnis des Tages: Die absolut schönsten und spektakulärsten Wanderrouten des Parks sind für uns schlichtweg unerreichbar. Warum? Weil ausnahmslos alle Nebenstraßen für RV absolut verboten und ungeeignet sind. Nur die Hauptstraße, ein fetter Highway, ist für unser Luxus-Schiff freigegeben.
Das ist natürlich richtiger Mist! Uns bleiben von der ganzen Pracht nur ein paar klägliche, winzige Trails direkt am Straßenrand. Das bedeutet im Klartext: Entweder wir parken die Kiste direkt am Highway-Streifen, während die Trucks an uns vorbeiballern, oder wir fahren mit 50 Mp/h geradeaus durch den Park durch. Das macht die ganze Nummer jetzt natürlich nicht unbedingt zu einer entspannten Oase der Ruhe.
Aber hey, wir lassen uns die Laune nicht verderben! Wir nehmen trotzdem trotzig vier kleine Wege auf uns. Und diese Mini-Pfade zeigen uns immerhin im Ansatz, was dieser gigantische Park eigentlich zu bieten hätte, wenn man nicht mit einem halben Linienbus unterwegs wäre. Die Bäume hier sind wirklich absolut monumental und ragen gefühlt bis in die Stratosphäre.
Hätten wir hier einen ganzen Tag verbracht, würde das morgen definitiv nach einer verdammt fiesen Nackenstarre schreien. Da wir uns aber nicht die Stimmung vermiesen lassen wollen, machen wir einfach das Beste draus: Wir albern wie zwei Teenager auf den verwaisten Trails herum und schießen ein paar herrlich bescheuerte Fotos. Nach knapp zwei Stunden verlassen wir den Park dann aber doch mit einem leicht traurigen Auge. Das hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt.
Doch die Natur hat ein Einsehen mit uns – und zückt das absolute Mega-Trostpflaster!
Ein allerletztes Highlight am Rande des Parks ist glücklicherweise auch für unser RV-Monster zugänglich: der Klamath Overlook. Wir rollen auf den Parkplatz, stellen den Motor ab und merken sofort, dass hier irgendwas im Busch ist. Große Menschenmassen stehen mit Ferngläsern an den Klippen und starren gebannt auf den Ozean hinab. Unsere Detektiv-Spürnasen wittern sofort eine Sensation – und wir liegen goldrichtig!
Als wir über die Klippen weit nach unten aufs Wasser blicken, trifft uns fast der Schlag: Ein echter Wal! Der sanfte Riese schwimmt da unten seelenruhig seine Bahnen im Pazifik, taucht immer wieder auf und bläst majestätisch seine Fontänen in die Luft. Wahnsinn! Wir stehen einfach nur da und starren mit offenen Mündern aufs Meer. Dieses sensationelle Live-Kino entschädigt uns auf einen Schlag für all die verpassten Wanderwege im Wald. Wer braucht schon Bäume, wenn er Wal-Watching vom Feinsten gratis dazu bekommt?!





Da wir durch das unfreiwillige Express-Programm im Redwood-Park viel früher fertig sind als geplant, fassen wir einen Entschluss:
Tschüss Kalifornien! Wir verlassen heute schon das wunderschöne – aber für unsere Reisekasse auch verdammt teure – Kalifornien und setzen zum allerersten Mal in unserem Leben einen Fuß in den Bundesstaat Oregon.
Hallo neuer Staat!


Da wir hier noch nie einen Fuß auf den Boden gesetzt haben, herrscht in Jules Stempelbuch gähnende Leere.
Die Oregon-Seite ist jungfräulich weiß. Ein unhaltbarer Zustand, den wir natürlich sofort ändern müssen! Unser Navigationssystem bekommt ein neues Futter: das Oregon Caves National Monument.
Die Straße dorthin zieht sich zwar ein bisschen, aber nach einer Stunde Kurvenjagd erreichen wir das erste Visitor Center im neuen Bundesstaat. Und siehe da: Klack! Das Stempelbuch hat endlich seinen allerersten, offiziellen Oregon-Stempel verpasst bekommen. Mission Nummer eins für den Nachmittag ist schon mal erfolgreich abgeschlossen.
Doch es kommt noch besser: Am Schalter ergattern wir wie durch ein Wunder noch Tickets für die geführte Höhlentour um Punkt 16:00 Uhr. Sensationell! Jetzt müssen wir den großen Kasten nur noch vollends den Berg hinauf bis zur Höhle manövrieren.
Die Anfahrt ist bereits das erste Abenteuer.
Der Weg schlängelt sich über eine gefühlte Million Kurven die Berge hinauf. Wer hier Beifahrer ist und zu Reiseübelkeit neigt, sollte vorher definitiv nicht das Rührei nach Art des Hauses frühstücken.
Oben angekommen, traut man seinen Augen kaum. Mitten im tiefsten Wald steht das Oregon Caves Chateau. Ein riesiges, historisches Hotel aus den 1930er Jahren, das aussieht, als hätte man ein Schweizer Ski-Ressort mit einer rustikalen Blockhütte gekreuzt. Das Verrückte: Ein Bach fließt einfach mitten durch den Speisesaal. Wenn man also beim Mittagessen frische Forelle bestellt, kann man dem Fisch theoretisch vorher noch High-Five geben.



Unser Ranger Oliver wartet schon auf unsere 10er Truppe und erklärt kurz, was uns erwarten wird.
Nicht die Wände anfassen: Das Fett der Finger zerstört den Marmor. (Verständlich).
Keine Fledermaus-Klamotten: Wer in den letzten Jahren in einer anderen Höhle war, darf dieselben Schuhe oder Jacken nicht tragen. Warum? Um das tödliche „White-Nose-Syndrom“ (einen Pilz) von den lokalen Fledermäusen fernzuhalten. Jule musste also erst einmal schwören, dass ihre Wanderschuhe keine geheimen Kontakte zur kalifornischen Fledermaus-Unterwelt hatten.
Die Platzangst-Warnung: Der Ranger fragte sehr eindringlich, ob jemand Probleme mit engen Räumen, Dunkelheit oder stundenlangem Bücken hat. Wir haben natürlich mutig genickt. Hertha-Fans kennen schließlich keine Angst (ich sage nur MRT).
Dann ging es durch eine schwere Stahltür hinein in die Dunkelheit. Erster Eindruck: Kalt! In der Höhle herrschen das ganze Jahr über konstant frostige 7 Grad Celsius.
Der Weg führt über 500 Stufen immer weiter hinein in den Berg. Der Guide erklärte uns stolz, dass dies eine der ganz wenigen Marmor-Höhlen der Welt ist. Normalerweise sind Höhlen aus Kalkstein, aber hier wurde das Ganze durch tektonischen Druck so richtig schön durchgeknetet.
Das Highlight der Tour ist der Abschnitt namens „Fat Man’s Misery“ (Das Elend des dicken Mannes). Der Name ist Programm. An einigen Stellen ist die Decke so niedrig, dass man im Entengang durchwatscheln muss, während man gleichzeitig den Bauch einzieht. Wer hier über 1,80 Meter groß ist oder beim Walmart-XXL-Einkaufswagen die Gewichtsgrenze ausgereizt hat, bekommt hier eine kostenlose Yoga-Stunde der härteren Art.
Überall hängen bizarre Steinformationen von der Decke (Stalaktiten) oder wachsen aus dem Boden (Stalagmiten). Einige sehen aus wie versteinerter Speck, andere wie geschmolzenes Vanilleeis.
Mitten in der Höhle, im tiefsten und größten Raum, dem „Paradise Room“, hat der Ranger das psychologische Experiment des Tages mit uns gemacht: Er hat das Licht ausgeschaltet.
Und zwar komplett.
Das ist keine normale Dunkelheit, wie wenn man im Schlafzimmer die Augen zumacht. Das ist totale, erbarmungslose Finsternis. Man sieht die eigene Hand vor Augen nicht, selbst wenn sie die Nase berührt. Man hört nur das leise Tropf... Tropf... Tropf... des Wassers. Nach zehn Sekunden in dieser Schwärze fängt das Gehirn an, Partymusik zu erfinden, nur um die Stille zu füllen. Ein absolut unheimliches, aber wahnsinnig faszinierendes Gefühl!
Nach gut 90 Minuten sportlichem Höhlen-Wandern sahen wir am Horizont endlich wieder ein winziges, weißes Licht. Der Ausgang! Wir haben uns aus der Bergwand gequetscht wie frisch gepresste Zahnpasta und wurden vom Tageslicht geblendet. Überlebt! Die Knochen haben zwar etwas geknackt, aber der Trip in die Unterwelt war jeden einzelnen Entengang wert.
So schön die Höhle auch war, muss man einfach sagen, dass 10 Leute viel zu viel sind. Es ist einfach zu Eng. Es können sich alle nicht verteilen.
Dazu hat Ranger Oliver die ersten 50 Minuten verbracht, an den uninteressantesten Stellen ewig stehen zu bleiben und geredet.
Bei den schönsten Stellen, hat er uns dann mehr oder weniger gescheucht, weil ihm dort auf gefallen ist, dass er die Zeit ganz schön vernachlässigt hat. Das ist ein großer Wehrmutstropfen und bestätigt immer wieder meine Abneigung, gehen geführte Touren, wo nicht ich bestimmen kann, wie lange und wo ich stehen möchte. Ich vermissen die Carlsbad Höhle.
Trotzdem war es eine tolle Höhle und es hat viel Spaß gemacht.
Nach so viel Action meldet sich aber schlagartig der Magen.
Wir haben Hunger – und zwar so richtig! Also steuern wir schnurstracks unseren Campground an und parken das RV für die Nacht.
Der Ablauf ist mittlerweile perfekt eingespielt: Der Grill wird angeworfen und heute tischen wir so richtig königlich auf. Es gibt saftiges, perfekt marmoriertes Flank Steak und dazu süßen, frisch gegrillten Mais. Als wir den ersten Bissen nehmen, schweben wir im siebten Himmel – es schmeckt einfach absolut himmlisch!
Den Abend lassen wir schließlich genau so ausklingen, wie es sich für einen perfekten Roadtrip gehört: Wir sitzen draußen vor dem Camper, die Bäuche vollgeschlagen, und blicken nach oben in den gigantischen, glitzernden Sternenhimmel von Oregon. Am Ende des Tages müssen wir grinsen: Es war trotz des anfänglichen Redwoods-Frusts ein absolut wunderschöner und unvergesslicher Tag. Die Natur weiß eben doch immer wieder, wie sie uns überraschen kann!
Gefahrene Kilometer: 236




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