Tag 14 - Highway 101
Donnerstag, der 17. September 2026
Ein kleiner Nachtrag von gestern:
Da mein Akku vom Laptop leer war und der Bericht schon abgeschickt wurde, kommen hier noch ein paar Bilder von gestern Nacht. Wir hatten natürlich einen super Sternenhimmel (mal wieder) und einen Halbmond, der so stark geleuchtet hat. Das war natürlich ein noch perfekterer Abschluss, als er so schon war.
Der Schlaf an unserem Klippen-Heiligtum war absolut erholsam. Die Wellen da draußen haben zwar die ganze Nacht nonstop Party gemacht und sind im Tiefflug gegen die Felsen gedonnert, aber für uns hatte dieses orchestrale Getöse etwas unfassbar Beruhigendes.
Ein Natur-Einschlaflied der Extraklasse, bei dem man einfach wegknicken muss.
Heute werden wir komplett ohne Wecker wach. Und das Beste: Wir müssen uns nicht mal großartig bewegen, um das Paradies zu sehen! Ein Griff zum Rollo, einmal kräftig nach oben gezogen – und wir gucken direkt aus dem warmen Bett heraus auf den unendlichen, glitzernden Ozean.
Ganz ehrlich? An so ein Morgen-Panorama könnte man sich verdammt schnell gewöhnen. Da schmeckt das bloße Wachliegen schon nach purem Luxus und wir weigern uns erst mal strikt, sofort aufzustehen. Warum auch? Wir haben ja Zeit!
Unser Tagesplan für heute ist so simpel wie genial: Bloß nicht überanstrengen! Heute wird weder großartig gewandert noch das nächste Extrem-Abenteuer gesucht. Wir lassen uns heute einfach ganz entspannt auf dem legendären Highway 101 nach Norden treiben, bis wir die Olympic-Halbinsel im Staat Washington erreichen.
Der Großteil der Strecke führt direkt am Pazifik entlang, und unser einziges Ziel ist es, die salzige Seeluft einzuatmen und die tollen Aussichten zu genießen.
Um es kurz vorwegzunehmen: Der Wettergott meint es schon wieder fast zu gut mit uns. Strahlend blauer Himmel, so gut wie keine einzige Wolke und das Ganze bei knackigen 27 °C in der prallen Sonne. Und das Mitte September! Wer auch immer da oben für das Reisewetter zuständig ist: Danke für diesen perfekten Spätsommer!
Da wir an einem wirklich ganz besonderen Ort frühstücken wollen und uns absolut nicht hetzen lassen, starten wir gemütlich den Camper. Gefühlt alle 200 Meter kommt eine neue Parkbucht mit einem Aussichtspunkt. Was soll ich sagen? Sie sind alle wunderschön. Aber sie haben ein Problem: Sie unterscheiden sich kaum voneinander. Nach der dritten Bucht sagen wir uns: „Ja, hübsch, Meer halt.“ Der finale Funke „Hier packen wir die Pfanne aus“ will einfach noch nicht überspringen. Die Messlatte von letzter Nacht liegt verdammt hoch!




Stattdessen machen wir erst mal einen kleinen Abstecher in das beschauliche Fischerdorf Newport. Warum? Weil uns zu Ohren gekommen ist, dass sich hier eine gigantische Kolonie von Seelöwen herumtreibt. Ein dicker Pluspunkt für das Örtchen: Bis um 11:00 Uhr darf man hier komplett kostenlos parken. Perfekt für Sparfüchse wie uns!
Als wir am Steg ankommen und nach unten blicken, bricht bei uns das große Lachen aus. Da liegen sie: Dutzende fette, speckige Seelöwen, dicht an dicht gequetscht wie die Ölsardinen auf hölzernen Holzpodesten. Und das Drama ist vorprogrammiert!
Man muss sich das wie eine tierische Daily Soap vorstellen: Seelöwe Dieter liegt in der Sonne und pennt den Schlaf der Gerechten. Plötzlich dreht sich Seelöwe Jürgen um zwei Zentimeter nach links, weil ihm die Flosse einschläft. Dabei berührt er ganz leicht Dieters Speckfalte. Dieter wacht auf, reißt das Riesenmaul auf und brüllt Jürgen in ohrenbetäubender Lautstärke an: „SAG MAL HAST DU SIE NOCH ALLE?! ICH HABE GERADE GEPENNT!“ Jürgen brüllt mit Mundgeruch zurück: „DIE PLATTFORM GEHÖRT NICHT DIR, DU FETTSACK!“ Sofort stimmen fünf andere Seelöwen im Chor mit ein, einfach nur aus Prinzip, weil es so schön laut ist und man mitbellen will. Ist ja auch klar – wer wird schon gerne geweckt?
Das absolute Highlight ist aber der „Partycrasher“ des Tages. Ein Seelöwe schießt wie ein Torpedo aus dem Wasser, hievt seine geschätzten drei Zentner Lebendgewicht erstaunlich elegant auf das Podest und beschließt, dass jetzt Schluss mit Schlafen für alle ist. Statt sich ein freies Plätzchen am Rand zu suchen, latscht er eiskalt mitten über die schlafende Verwandtschaft drüber. Jedes Mal, wenn er mit seinen Flossen voll auf einen Kollegen tritt, fängt er sich eine saftige Ordnungsschelle oder einen hysterischen Brüllanfall ein. Ein herrlicher Machtkampf, wer hier der lauteste Platzhirsch ist!
Am Ende des Steges kann man zudem auf eine kleine vorgelagerte Insel gucken – auch dort stapeln sich unzählige Tiere und haben sichtlich Spaß am kollektiven Krakeelen. Über 30 Minuten stehen wir einfach nur da, gucken uns dieses tierische Drama an und werfen uns weg vor Lachen. Das war schon toll.
Kurze Zeit später finden wir ihn dann endlich: unseren perfekten Frühstücksplatz!
Wir gehen erst ein paar Schritte spazieren, genießen das fabelhafte Panorama von einer hölzernen Parkbank aus und dann schmeiße ich in der Camper-Küche den Herd an.
Das Menü des Tages: frisch gezauberte, brutzelnde Spiegelei-Sandwiches! Draußen funkelt der Pazifik, die Sonne wärmt die Haut, und vor uns liegt diese gigantische Kulisse. Ganz ehrlich? Bei so einem 5-Sterne-Panorama schmeckt so ein einfaches Ei-Sandwich einfach mal 100-mal besser als im feinsten Luxusrestaurant.
Die restliche Strecke bleibt ein absoluter Traum für die Augen.
Doch bevor wir den Bundesstaat Oregon endgültig verlassen und die Halbinsel betreten können, wartet noch ein historischer Pflichtstopp auf uns: der Lewis and Clark National Historical Park.
Für Jule ist der Fall sofort klar: Ein neuer Stempel für das Buch muss her! Während ihr Stempelbuch gefüttert wird, tauchen wir ein in die Geschichte von Fort Clatsop.
Das ist der geschichtsträchtige Ort, an dem die berühmten Entdecker Meriwether Lewis und William Clark mit ihrer Truppe (dem Corps of Discovery) im brutalen, nasskalten Winter von 1805 auf 1806 ihr Lager aufschlugen.
Sie hatten es tatsächlich geschafft: Sie waren die ersten US-Amerikaner, die den gesamten Kontinent bis zum Pazifik zu Fuß durchquert hatten!
Wir gucken uns die alten Wohnhäuser und die originalgetreu nachgebauten, urigen Holzhütten an. Wenn man in diesen dunklen, engen Blockhütten steht, wird einem erst mal bewusst, was für knallharte Hunde diese Entdecker damals gewesen sein müssen. Wochenlanger Dauerregen, kaum Essen, die Klamotten ständig klamm – und man zimmert sich mal eben ein Fort aus Baumstämmen. Extrem faszinierend zu sehen, wie spartanisch das damals zuging!

Nach dem Geschichtsunterricht wird es Zeit für echtes Roadtrip-Adrenalin. Wir steuern auf die gigantische Astoria-Megler-Bridge zu.
Diese Brücke ist absolut nichts für schwache Nerven: Sie spannt sich über ganze 6,6 Kilometer über die gewaltige, breite Mündung des Columbia Rivers und verbindet Oregon mit Washington.
Und mein Gott, diese Fahrt ist der absolute Wahnsinn! Zuerst schraubt sich die Brücke in einer engen, steilen Kurve gefühlt senkrecht in den Himmel hinauf, damit die riesigen Ozeandampfer darunter durchpassen.
Da oben angekommen pfeift der Wind so brutal, dass er unseren mächtigen Camper fast von der Fahrbahn fegt! Ich muss das Lenkrad mit beiden Händen umklammern, während mein Puls im Dreieck springt.
Und dann? Dann geht es auf der anderen Seite im Sturzflug wieder nach unten. Wir schießen mit einem Affenzahn – gefühlt mit 120 km/h – die Rampe hinab, direkt auf die Wasseroberfläche zu. Das hat so unglaublich viel Spaß gemacht, echtes Achterbahn-Feeling im Wohnmobil! Jule grinst über beide Ohren.



Am Ende der Brücke haben wir es geschafft: Wir erreichen den Bundesstaat Washington! Wir drehen uns noch einmal um, winken herrlich nostalgisch über die Schulter und rufen: „Tschüss Oregon, war verdammt schön bei dir!“

Heute wird kulinarisch so richtig aufgefahren. Auf dem Menü steht: frisch mit saftigem Spinat und würzigem Feta gefüllte Hähnchenbrust, von außen liebevoll mit einem genialen Kräuter-Rub eingerieben. Während das Fleisch auf dem Rost perfekt brutzelt, sitzen wir einfach nur da, genießen die absolute Stille und beobachten die sanften Wellen auf dem ruhigen See. Keine Menschenseele weit und breit.
Das Essen ist der absolute Hammer – butterzart, würzig und einfach perfekt gelungen.
Pappsatt, glücklich und träge wie zwei Seelöwen in Newport packen wir unsere sieben Sachen wieder zusammen. Wir werfen den Motor ein letztes Mal an und fahren noch entspannte 20 Minuten bis zu unserem finalen Schlafplatz für diese Nacht.
Wir stehen wieder direkt an einem See – heute also mal ohne das nonstop Meeresrauschen von gestern, dafür mit einer fast andächtigen, friedlichen Stille. Und pünktlich zum Feierabend zieht die Natur einfach das nächste Ass aus dem Ärmel: Ein unfassbar schöner, tieforanger Sonnenuntergang spiegelt sich perfekt auf der glatten Wasseroberfläche.
Ich klappe den Laptop auf, schaue aus dem Fenster auf dieses unglaubliche Farbenmeer und denke mir nur: Ganz ehrlich... so lässt es sich verdammt noch mal arbeiten!
Was für ein grandioser Abschluss für diesen Tag am See!



Morgen geht es zum evtl. vorletzten Nationalpark für diesen Urlaub.


Gefahrene Kilometer: 395




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