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Tag 15 - Olympic Nationalpark

vor 1 Tag
5 Min. Lesezeit

Freitag, der 18. September 2026

Eine wunderbar erholsame Nacht geht zu Ende.


Die Glieder werden gestreckt, und das tägliche Abenteuer-Gen meldet sich zum Dienst: Heute steht wieder ein Nationalpark auf dem Zettel! Und das Beste daran? Wir haben uns gestern strategisch so genial positioniert, dass wir den Vorsprung eines echten Profi-Urlaubers genießen. Uns trennen nur noch läppische 1,5 Stunden von unserem Ziel. Dachten wir jedenfalls.


Wir cruisen also völlig tiefenentspannt durch die Landschaft, die Musik summt im Hintergrund, die Laune ist auf Anschlag. Und dann:


Vollbremsung! Bevor wir überhaupt den ersten offiziellen Programmpunkt erreichen, dürfen wir die ersten einheimischen Tiere aus aller nächster Nähe bestaunen. Ein paar Hirsche haben beschlossen, direkt am (und fast auf dem) Highway ein konzeptionelles Meeting zum Thema „Wie erschrecke ich Touristen zu Tode“ abzuhalten. Nach einem intensiven Augenkontakt und dem Austausch von gegenseitigem Respekt trotten die haarigen Locals weiter.



Kurz danach erreichen wir endlich den Olympic-Nationalpark. Da wir aus dem Süden anreisen und es im tiefsten Süden des Parks – sagen wir es, wie es ist – absolut gar nichts gibt außer Bäumen und noch mehr Bäumen, fangen wir den Park von der Westseite an. Und wie es der Zufall (oder das Roadtrip-Karma) so will, ist unser erster Stopp ein Wasserfall: die Merriman Falls. Das Geniale für lauffaule Entdecker: Du musst nicht mal deine Wanderschuhe schnüren. Man kann das Ding direkt von der Straße aus sehen! Ein perfekter, bequemer Start. Wasser fällt von oben nach unten, schaut hübsch aus, Foto gemacht, weiter geht’s.





Jetzt müssen wir allerdings mal kurz über die Infrastruktur sprechen. Dieser Park ist gigantisch. Das Problem? Die einzige Hauptstraße, die hier durchführt, ist ein Highway.


Und „Highway“ bedeutet in den USA, dass die Einheimischen und die Lkw-Fahrer hier mit geschmeidigen 100 bis 120 km/h durch die Botanik kacheln, als gäbe es kein Morgen mehr. Als gemütlicher Parkbesucher, der eigentlich die Natur aufsaugen will, fühlt man sich ein bisschen wie eine Ente auf der Autobahn. Entspannt ist anders, aber man kann es ja nicht ändern. Mund abputzen, Lenkrad festkrallen, mitschwimmen.


Die Wege zwischen den einzelnen Punkten ziehen sich wie Kaugummi. Und die Aussicht? Nun ja. Wenn man ehrlich ist, gleicht die Strecke hier streckenweise jeder x-beliebigen Allee oder Landstraße in Deutschland. Bäume links, Bäume rechts, Asphalt in der Mitte. Nicht gerade atemberaubend, aber hey, wir sind ja wegen der Küste hier!


Die Westseite führt uns nämlich direkt an den Pazifik. Hier reiht sich ein Strand an den nächsten, und wir klappen pflichtbewusst das Touri-Programm ab:


  • Ruby Beach: Benannt nach dem angeblich „rubinroten Sand“. Spoiler-Alarm: Wenn man nicht gerade illegale Substanzen konsumiert hat, ist der Sand einfach... grau. Aber der Strand hat was von einem Endzeit-Film. Hier ragen gigantische Felsnadeln aus dem Wasser, die aussehen wie die abgebrochenen Stoßzähne eines Seeungeheuers. Und überall liegt Treibholz. Aber nicht so ein bisschen Dekoholz für die Wohnung, sondern tonnenweise gigantische, gebleichte Baumstämme. Als hätte ein betrunkener Riese hier eine Runde Mikado gespielt und nach zwei Minuten wütend das Spielfeld verlassen.


  • Beach 4: Hier wird man unfreiwillig zum Meeresbiologen. Bei Ebbe entstehen in den Felsen sogenannte Gezeitentümpel (Tide Pools). Wenn man genau hinschaut und nicht auf den glitschigen Algen ausrutscht (was fast passiert wäre), sieht man knallbunte Seesterne und Seeigel, die chillig darauf warten, dass die Flut sie wieder abholt.


  • Rialto Beach: Noch so ein wilder Küstenabschnitt. Die Wellen peitschen gegen das Ufer, der Wind bläst einem das Resthaar vom Kopf. Es ist rau, es ist laut.


Das bewölkte, suppige Wetter heute passt zwar hervorragend zu dieser düsteren, rauen Landschaft, aber um ehrlich zu sein: Die Strände sind zwar ganz nett, aber wir haben in den letzten Tagen definitiv viel Schöneres gesehen. Wir sind mittlerweile wohl einfach hardcore verwöhnt. Wenn man in so kurzer Zeit so viel Krassem begegnet ist und allgemein in den letzten Jahren so viel erlebt hat, dann lösen ein paar graue Kieselsteine und tote Bäume am Strand einfach keine Ekstase mehr aus. Man steht da, nickt anerkennend und denkt sich: „Joah. Ist okay.



Doch kaum erreichen wir die Nordseite des Parks, passiert das Wunder: Nicht nur das Wetter schlägt schlagartig um, sondern auch unser Gemütszustand!


Plötzlich macht das Fahren wieder richtig Laune (auch wenn die Lkw-Raser hier immer noch so tun, als wären sie beim Formel-1-Qualifying). Der Himmel reißt auf, strahlendes Blau breitet sich aus, traumhafte Berge tauchen auf, die Bäume wirken plötzlich viel grüner – und direkt neben uns erstreckt sich ein absoluter Gigant: der Lake Crescent.


Dieser riesige Gletschersee ist der absolute Wahnsinn! Das Wasser ist so extrem nährstoffarm, dass es glasklar ist und in den absurdesten Türkis- und Blautönen leuchtet. Man hat das Gefühl, jemand hätte einen riesigen Eimer Karibik-Farbe in die Berge von Washington gekippt. Die steilen Waldhänge fallen direkt ins Wasser ab – ein Anblick wie aus dem Katalog. Unsere Laune schießt sofort wieder durch die Decke!


Durch die langen Fahrten und die vielen kleinen Strandspaziergänge ist es mittlerweile aber schon Spätnachmittag geworden. Ein kleiner Trail soll es heute noch sein, um den Tag gebührend abzurunden. Die Wahl fällt auf den Marymere Falls Trail.


Wir rollen auf den Parkplatz und... Vollkatastrophe. Kein einziger Parkplatz frei. Und selbst wenn durch ein Wunder einer frei geworden wäre – wir wären sofort wieder umgedreht. Menschen. Massenhaft Menschen. Es sah aus wie beim Sommerschlussverkauf.


Ganze Völkerwanderungen schoben sich in Richtung Wald. Nö. Ganz sicher nicht. Darauf haben wir mal so gar keine Lust. Wir wollen Natur und keine Fußgängerzone.


Also, Kommando zurück! Wir drehen um und machen einen sportlichen Schlenker zum Sol Duc Fall. Neuer Versuch, neues Glück. Dachten wir.

Dort angekommen trifft uns fast der Schlag. Das Bild ist noch viel schlimmer! Die offiziellen Parkplätze sind gnadenlos überfüllt, und die Autos der verzweifelten Wandersleute parken bereits in einer drei Meilen langen Schlange illegal am Straßenrand. Drei Meilen! Wenn wir da parken, müssen wir ja schon wandern, um überhaupt zum Start des Wanderwegs zu kommen! Nein, danke. Ohne uns. Massentourismus gecancelt für heute.


Wir drehen entnervt wieder um und beschließen, dass es Zeit wird, einen Schlafplatz aufzusuchen. Aber ein winziges Trostpflaster gönnen wir uns noch: einen kurzen Abstecher zu den Salmon Cascades. Diese Stromschnellen des Sol Duc River sind weltberühmt dafür, dass man hier Lachse im Spätsommer spektakulär flussaufwärts springen sehen kann. Und wo Lachse sind, sind meistens auch... Bären, die sich die Wampe vollschlagen wollen!


Das Wasser hat wirklich eine phänomenale, smaragdgrüne Farbe. Wir starren also gebannt aufs Wasser. Wir warten. Und warten. Und starren. Ergebnis? Keine Lachse. Und erst recht kein Bär. Wahrscheinlich standen die Lachse heute einfach im Stau vor dem Sol Duc Parkplatz und der Bär hatte keinen Bock auf die Menschenmassen. Satz mit X, war wohl nix.


Jetzt kommt die nächste Herausforderung: Ein Schlafplatz muss her. Die offiziellen Campingplätze im Nationalpark sind entweder unbezahlbar teuer, bieten absolut gar nichts (nicht mal eine vernünftige Dusche) oder sind schlichtweg komplett ausgebucht. Aber wir wären ja keine echten Roadtrip-Füchse, wenn wir keinen Plan B hätten.


Genau auf der Parallelstraße zur Sol Duc Road schlagen wir uns in die Büsche. Wir befinden uns hier nämlich im Olympic National Forest – und im Gegensatz zum Nationalpark ist in diesem State Forest das sogenannte „Wildcamping“ (Dispersed Camping) absolut legal und kostenlos. Jackpot! Ein einsames, wunderschönes Plätzchen ganz für uns allein.


Und hier folgt der krönende Abschluss eines ereignisreichen Tages: Bei herrlichstem Sonnenschein schmeißen wir den Grill an. Heute wird nicht gekleckert, heute wird geklotzt! Es gibt feinstes, perfekt marmoriertes Rindfleisch. Die Glut glüht, das Fleisch zischt, der Duft steigt uns in die Nase.


Und der erste Bissen? Heiliger Strohsack. Die Dinger sind so genial zart, die Fleischfasern kapitulieren sofort vor unseren Zähnen und zerfallen förmlich wie Butter im Mund. Was für ein unfassbarer Genuss! Nach all dem Fahrstress und den Parkplatz-Enttäuschungen sitzen wir glücklich im Nirgendwo, kauen schweigend vor uns hin und sind uns einig: Der Tag war vielleicht nicht perfekt, aber dieses Steak hat alles wieder gutgemacht.

Gute Nacht aus der Wildnis!



unsere Route heute
unsere Route heute

Gefahrene Kilometer: 440





 
 
 

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