top of page

Tag 16 - Der Wahnsinn geht weiter

vor 1 Tag
12 Min. Lesezeit

Samstag, der 19. September 2026

Tiefdurchatmen, aber die nackte Realität holt uns ein: Leider schlägt jetzt schon die letzte Woche unseres Roadtrips an.


Ganze sechs volle Tage haben wir noch mit dem „Dicken“ – unserem treuen, rollenden Palast auf Rädern. Und die To-Do-Liste ist noch lang, denn es gibt verdammt noch mal viel zu sehen!


Und die Überschrift sagt es eigentlich schon aus:


Der Tag wird heute wieder ein absoluter, unverschämter, perfekter Traum werden. Davon hatten wir bis jetzt wirklich viele, aber man wird ja wohl noch an chronischem Glücksgefühl leiden dürfen.


Aber nicht nur bei uns auf den Straßen geht der absolute Wahnsinn weiter – nein, auch bei der geliebten Alten Dame herrscht Ausnahmezustand! Die Saison ist noch jung, aber was Hertha momentan abliefert, ist nicht mehr von dieser Welt.


Schnallt euch an: Aus sieben Pflichtspielen sind sieben verdammte Siege entstanden! Und das Beste daran? Sie haben sie nicht mal gemauschelt, sondern alle absolut verdient gewonnen. Schöner, flüssiger Fußball, kein nervenaufreibendes Hin- und Herspielen mehr am eigenen Strafraum (bei dem man als Fan regelmäßig drei Herzinfarkte pro Minute bekommt) und wenn es hart auf hart kommt, wird gefightet, bis der Rasen brennt. Ich frage mich ernsthaft: Ist das wirklich meine Hertha?! So einen genialen Fußball habe ich von den Jungs seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Ich bin kurz davor, mir ein Tränchen aus dem Augenwinkel zu wischen.



Ich bin mir inzwischen auch absolut sicher: Petrus hat blau-weißes Blut in den Adern. Ich meine, guckt euch doch mal um! Nicht umsonst ist der Himmel blau-weiß. Das Meer schimmert im tiefsten Blau und die Wellen brechen in strahlendem Weiß. Zufall? Wer das glaubt, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Ich glaube es jedenfalls nicht! Und warum ist ein Stoppschild bitteschön rot-weiß?


Mein Lieblingstechniker auf der Arbeit würde jetzt natürlich klugscheißerisch dazwischengrätschen und behaupten: „Ja, aber warum sind unsere Blutkörperchen denn rot und weiß?!“ Meine Antwort darauf ist simpel wie genial: „Ist mir doch völlig egal!


Wir sind Spitzenreiter und werden ungeschlagen Zweitligameister. Ist doch wohl logisch!“ Aber keine Sorge, mein roter Kollege, ich mag dich trotzdem – und du bist und bleibst mein zweitliebster Kollege



Aber ich kann hier natürlich nicht nur seitenlange Lobeshymnen auf meine geliebte Hertha dichten, sondern muss unseren Wettergott Petrus heute noch einmal ganz fett und positiv erwähnen. Kumpel, was du heute wieder für uns aus deinem magischen Wetter-Ärmel gezaubert hast, ist mal wieder absolut nicht in Worte zu fassen! Wir dachten nämlich noch knapp 30 Meilen vor unserem Ziel, als wir in die graue Suppe starrten: Mist, das war’s dann wohl, heute werden wir beim Sightseeing so richtig Pech haben. Doch Petrus hatte ganz andere Pläne mit uns. Wir waren so dankbar, dass wir beschlossen haben, ihm heute Abend eine Opfergabe vom Feinsten auf den Grill zu schmeißen, damit er uns auch die nächsten Tage mit diesem genialen Wetter verwöhnt. Fleischgötter besänftigt man schließlich mit Fleisch.


Aber spulen wir noch mal zurück zum Anfang des Tages: Heute war wieder die Kategorie „Unchristlich früh aufstehen“ angesagt. Denn eines haben wir gelernt:


Ab 9 Uhr morgens kann man dem Olympic Nationalpark eigentlich nur noch gepflegt den Rücken kehren – erst recht am Wochenende. Dann mutiert das Naturparadies nämlich zum menschlichen Ameisenhaufen. Wir düsen also hochmotiviert zum Marymere Falls Trail.


Als wir ankommen, die Erleichterung: Der Parkplatz ist noch herrlich leer. Gerade mal acht Autos stehen hier verloren in der Gegend rum.


Ein Traum! Das hält sich im Verhältnis zu dem gestrigen Massenansturm absolut in Grenzen. Der Weg ist hin und zurück knackige 2,6 Kilometer lang – also der perfekte, entspannte Morgenspaziergang.


Und das Beste? Erstaunlicherweise haben wir den kompletten Trail ganz alleine für uns. Absolut perfekt!


Der Trail ist wirklich ein super einfacher Spazierweg. Erst laufen wir durch einen Tunnel unter dem Highway durch und ploppen dann gefühlt mitten im tiefsten Märchenwald wieder auf. Die Bäume hier sind so gigantisch und vollkommen mit Moos bedeckt, dass das grüne Zeug wie riesige, weiche Eiszapfen von den Ästen hängt. Man wartet eigentlich im Sekundentakt darauf, dass ein Einhorn oder ein Hobbit hinter dem nächsten Farn hervorspringt. Nebenbei schlendern wir am Lake Crescent vorbei – der heute durch die dichte Wolkendecke zwar nicht ganz so spektakulär leuchtet wie gestern, aber immer noch eine verdammt gute Figur macht. Danach balancieren wir über ein paar idyllische Holzbrücken und müssen ganz zum Schluss noch ein paar Stufen hochjapsen.


Und dann stehen sie vor uns: die Marymere Falls. Der Wasserfall stürzt elegant über eine steile, tiefgrüne Felswand stolze 27 Meter in die Tiefe und landet in einem glasklaren Becken, das von riesigen Farnen eingerahmt wird. Gut, es kommt momentan nicht gerade die Niagara-Menge an Wasser runter – es ist eher ein dezentes Plätschern –, aber für den optischen Start in den Tag war das ein wunderschöner, wildromantischer Anblick.



Als wir uns gemütlich auf den Rückweg machen, schlägt die Realität zu: Uns kommen Heerscharen von Menschen entgegen. Es ist kurz vor halb neun und der Trail wird quasi überrannt. Da haben wir mit unserem Frühaufsteher-Plan wohl alles goldrichtig gemacht! Der erste Parkplatz ist beim Erreichen des „Dicken“ schon randvoll. In spätestens zwei Stunden werden die Leute hier wie die Geier im Kreis fliegen und darauf lauern, dass irgendwo ein Rückfahrlicht aufleuchtet.



Einen schnellen Trail haben wir aber noch auf dem Zettel, und – wer hätte es gedacht – es wird wieder ein Wasserfall: der Madison Falls Trail.


Das Ganze ist ein ultrakurzer Keks-Weg von gerade einmal 160 Metern Länge. Einmal blinzeln und man ist da. Auf dem Parkplatz ergattern wir mit hängender Zunge den allerletzten freien Platz – läuft bei uns! Die Madison Falls sind wirklich nett anzusehen: Das Wasser plätschert hier über mehrere breite Felsstufen mitten im dichten Grün herunter. Ein richtig schicker, kleiner Winzling und ein absolut gelungener Abschluss für diesen Nationalpark.


Am Haupt-Visitor-Center in der Nähe von Port Angeles machen wir noch einen kurzen Boxenstopp.


Hier herrscht allerdings schon das nackte Chaos: Die Bude ist gerammelt voll. Am Infoschalter haben sich fünf Ranger verschanzt, die so dermaßen im Dauerstress sind, um Infos rauszuhauen, dass die Warteschlange einmal quer durch den Raum reicht. Der Giftshop ist leider winzig und bietet kaum Platz für Souvenir-Schlachten, aber das angeschlossene Museum ist richtig hübsch gemacht und extrem informativ.


In Port Angeles halten wir kurz am Pier an und winken einmal freundlich rüber nach Kanada. Hallo rüber! Eigentlich sah mein genialer Masterplan ja ein paar Puffertage vor, die uns nach Vancouver oder Vancouver Island führen sollten. Zeitlich hätte das auch perfekt hingehauen. Aber – und jetzt kommt das dicke, fette, bürokratische Aber: Bei unserem Vermieter El Monte darf man mit dem Wohnmobil nicht nach Kanada einreisen.


Also, wir dürften rein rechtlich zwar schon über die Grenze, wären dort aber mit dem Fahrzeug absolut nicht versichert. Wenn wir also im Land des Ahornsirups eine Reifenpanne oder einen Motorschaden hätten, würde uns kein Schwein helfen – oder wir müssten die Bergung mit unseren eigenen Organen bezahlen. Das war uns dann doch eine Nummer zu heiß. Aber egal, wir haben ja schließlich noch zwei andere gigantische Nationalparks im US-Bundesstaat Washington vor der Brust!


So verlassen wir nun also den Olympic Nationalpark.


Und wenn wir ehrlich sind, wird er in unserem persönlichen Urlaubs-Ranking wohl einen der hinteren Plätze belegen. Dass man hier permanent über den Highway durchbrettern muss, um von A nach B zu kommen, ist für uns einfach der größte Minuspunkt – echtes Wildnis-Feeling kommt da nicht auf. Ansonsten fanden wir ihn rein landschaftlich jetzt auch nicht so hyper-beeindruckend.


Man muss allerdings fairerweise dazusagen: Die landschaftliche Messlatte ist in den USA mittlerweile verdammt hoch gelegt. Wenn der Olympic der allererste Park auf deiner Reise ist, haut er dich bestimmt völlig aus den Socken. Uns fehlte nach den bisherigen Highlights einfach der Wow-Effekt. Dazu kommt noch, dass er einfach brutal voll war. Der Yosemite Nationalpark war zwar auch voll, aber den fanden wir optisch und landschaftlich einfach noch mal drei Klassen schöner.

Da praktischerweise direkt ein Walmart am Wegesrand auftaucht, nutzen wir die Chance und plündern die Fleischtheke, um unsere Reserven maximal aufzufüllen. Und was noch viel, viel wichtiger ist: Wir ergattern eine neue Gaspulle! Unsere beiden bordeigenen Flaschen sind nämlich mittlerweile komplett leer gesaugt – und ein Roadtrip ohne funktionierenden Grill? Das geht ja nun wirklich mal gar nicht! Da streikt die Besatzung.


Unser Plan für danach sah eigentlich vor, gemütlich nach Seattle zu tingeln und uns ein bisschen die City anzugucken. Denn morgen sollte eigentlich das absolute Highlight starten: der große Heißluftballonflug! Doch beim Blick aufs Handy folgt der emotionale Sturzflug: Wir bekommen eine Absage. Grund: Es haben sich nicht genügend Leute angemeldet. Ernsthaft, Leute?! Wer will denn bitte nicht Ballon fahren? Wir waren am Boden zerstört, schließlich sollte das Jules großes Geburtstagsgeschenk werden. Aber Aufgeben gibt's nicht: Vielleicht versuchen wir es am vorletzten Tag einfach noch ein zweites Mal (wenn das Wetter mitspielt).

Nun stehen wir vor der ultimativen Wahl: Entweder stumpf über die Autobahn ballern (Dauer: 3,5 Stunden) oder die landschaftlich schöne Gurken-Strecke nehmen (Dauer: 5 Stunden).


Da wir heute ordentlich Zeit aufholen wollen, entscheiden wir uns kurzerhand für die schnellste Route. So jagen wir den „Dicken“ 140 Meilen weit durch sechsspurige Freeways und zweispurige Highways. Es geht verdammt gut voran, und da die Strecke – ähnlich wie die deutsche A2 bei Bielefeld – absolut gar nichts fürs Auge zu bieten hat, kommt man erst gar nicht auf die dumme Idee, für einen Fotostopp rechts ranzufahren. Einmal Scheuklappen auf und durch!

War es den ganzen lieben Tag über bisher durchgehend wolkenverhangen und grau, passiert etwa 30 Meilen vor dem Parkeingang das Unfassbare: Das Wetter schlägt schlagartig um! Der Vorhang reißt auf und wir können das allererste Mal den gigantischen, majestätischen, schneebedeckten Gipfel des Mount Rainier in seiner vollen Pracht bewundern! Als wäre das nicht schon episch genug, stehen wir in diesem Moment auch noch an einem glitzernden Stausee. Die Kulisse könnte kein Hollywood-Regisseur besser inszenieren. Was für ein absoluter, unfassbarer Traum! Die Sonne knallt raus und lässt einfach alles perfekt wirken. Die Laune im Wohnmobil steigt schlagartig auf den Siedepunkt.


Punkt 15 Uhr erreichen wir endlich das Eingangstor des Nationalparks.


Und die Amis sind ja auf alles vorbereitet: Es gibt hier tatsächlich schon drei Meilen vor dem eigentlichen Eingang riesige Schilder, die einem die aktuelle Wartezeit prophezeien. 3 Meilen Stau = 3 Stunden warten. 2 Meilen = 2 Stunden warten. Wir starren auf die Schilder und schlucken erst mal trocken.


Krass! Was ist hier bitte am Wochenende sonst los? Schieben die Leute ihre Autos hier im Schlafsack vorwärts? Als wir losgefahren sind, hatte Google Maps uns hier schon einen fetten Stau von 25 Minuten vorausgesagt. Doch wir haben das Glück gepachtet: Vor uns stehen exakt gerade mal drei Autos. Einmal kurz den Pass vorzeigen und wir sind drin!



Die Strecke bis zum einzigen noch geöffneten Visitor Center (Henry M. Jackson Memorial Center) – die anderen machen hier anscheinend alle rigoros ab dem ersten Septemberwochenende dicht – führt über absolut abgefahrene Serpentinenstraßen.


Es geht steil nach oben, vorbei an Aussichten, bei denen einem schlicht und ergreifend die Worte fehlen. Man will eigentlich alle zwei Meter anhalten und die Kamera glühen lassen. Da die Campingplätze im Park aber ohnehin alle hoffnungslos ausgebucht sind und wir die exakt gleiche Strecke später sowieso wieder zurückgondeln müssen, beschließen wir heldenhaft, uns die Aussichtspunkte für den Rückweg aufzusparen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.


Eine einzige Meile (schlappe 1,6 Kilometer) vor dem eigentlich riesigen Parkplatz des Visitor Centers bricht dann aber plötzlich die nackte Anarchie aus.


Es geht absolut gar nichts mehr. Stillstand. Totale Blockade. Und obwohl die Fahrbahn hier oben eigentlich breit genug für alle wäre, besteht jedes gottverdammte Auto stur auf sein gottgegebenes Recht, einfach mitten auf der Straße stehenzubleiben und sich keinen Millimeter mehr zu bewegen. Kein Blinken oder kein an die Seite Fahren, um andere vorbeizulassen. Warum auch? Sollen doch alle anderen im Asphalt festwachsen!


Ich muss kurz betonen: Wir waren jetzt schon in über 30 verschiedenen Nationalparks (die exakte, feierliche Zählung gibt es im großen Abschlussbericht nach dem Urlaub), aber so ein Verkehrschaos haben wir im ganzen Leben noch nicht erlebt!


Der Grand Canyon, der Zion, der Yosemite und der Olympic Nationalpark zusammen verblassen gegen das, was hier gerade auf ein paar Metern stattfindet.


Jule kriegt auf dem Beifahrersitz schon die Krise, verzweifelt völlig und versucht, mit ihren geschulten Adleraugen in der Blechlawine irgendwo eine Lücke für unser Riesenschiff zu erspähen.


Genau in diesem Moment materialisiert sich natürlich ein Ranger. Er guckt mit stechendem Blick zu mir rüber ins Cockpit – und ich gucke mit meinem unschuldigsten Hundeblick zu ihm zurück. Ein kurzes, verzweifeltes Gesicht seinerseits, ein resigniertes Seufzen angesichts der Blechmassen, und dann... nickt er es einfach ab!



Da war es schon leerer
Da war es schon leerer

Für mich das Zeichen, den Motor sofort verstummen zu lassen, bevor es sich der gute Mann anders überlegt!


Gang rein, Handbremse angezogen und nix wie raus aus der Kiste. Ganze 40 Sekunden – ich wiederhole: Vierzig SEKUNDEN – Fußweg trennen uns jetzt noch vom Visitor Center [Henry M. Jackson Memorial].


Schneller geht’s nur mit dem Fallschirm. Während die anderen da draußen wahrscheinlich heute noch im Kreis fahren, stehen wir schon mit beiden Beinen auf dem Asphalt


Gefühlt ist es hier oben allerdings wie in einem völlig übertriebenen Freizeitpark. Und ich bin mir ziemlich sicher: Selbst in den Universal Studios in Hollywood standen damals nicht so viele Menschen auf einem Haufen wie hier.


Es herrscht – und jetzt kommt die ganz große Überraschung des Tages – der absolute Ausnahmezustand an den Damentoiletten und am ersten Wasserspender. Warum die Menschen eigentlich nicht mal drei Schritte weiterdenken, wird mir für immer ein medizinisches Rätsel bleiben. Das ist genau dieselbe Logik, mit der manche Leute den allerersten, beschissensten Parkplatz drei Kilometer weit weg nehmen, nur aus purer Panik, direkt am Eingang keinen mehr zu bekommen. Unverständlich!


Dabei war die Lösung des Trinkwasser-Problems so nah: Ganze 30 Schritte weiter hinten gab es nämlich sage und schreibe sechs – ja, SECHS! – freie Füllstationen für das kühle Nass. Aber hey, wer nicht wandert, der nicht trinkt. Die Ranger im Center sind hier übrigens noch ein ganzes Stück schweißgebadeter und belagerter als im Olympic Nationalpark. Purer, unzensierter Wahnsinn. Ich will mir beim besten Willen nicht ausmalen, was hier erst in den offiziellen Sommerferien abgeht. Wahrscheinlich werden da die Ranger per Hubschrauber evakuiert.


Egal, wir fackeln nicht lange, klauen uns das Infomaterial diesmal ganz ohne Ranger-Konsultation vom Tresen und flüchten im Laufschritt zurück zum Camper.



Wir wollen schließlich den Trail zum Myrtle Falls Trail laufen!



Wären da nur nicht diese unfassbaren Menschenmassen. Ich habe ja sowieso die Theorie, dass Menschen exponentiell egoistischer werden, sobald sie in großen Gruppen auftreten. Ab jetzt gilt auf dem Trail: pure Anarchie!


Da bleiben doch tatsächlich Pärchen mitten auf dem gefühlt fünfzig Zentimeter schmalen Weg für Hunderte von anderen Wanderern stumpf stehen, weil sie das drölfzigste Selfie von sich schießen müssen. Kleiner Spoiler: Das geht auch am Rand!


Oder sie flanieren in aller Seelenruhe Hand in Hand wie beim Sonntagsspaziergang im Park, während sich hinter ihnen der Stau bis nach Seattle zurück staut.


Es ist wirklich schlimm, nervtötend und absolut Endgegner-Niveau.


Wer mich kennt, der würde jetzt Haus und Hof darauf wetten, dass ich innerlich kurz vor der Kernschmelze stehe und kurz vorm Explodieren bin.


Aber Überraschung! Diesmal bin nicht ich das Pulverfass, sondern Jule!


Jule regt sich einfach über alles und jeden auf und ist kurz davor, die Touristen wie eine menschliche Planierraupe beiseite zu schubsen. Wenn Blicke töten könnten, wäre der Trail jetzt leer gefegt (eine gute Frau habe ich da ausgesucht.


Aber nach ein paar energischen Schritten und nachdem die Leute Jules Todesblick bemerkt haben, wird es schlagartig besser.


Wir laufen den knapp einen Kilometer langen Weg, und heilige Mutter Gottes: Es geht scheiße steil nach oben! Unsere Waden brennen, aber die Aussicht wird mit jedem Höhenmeter einfach immer gigantischer.


Und das Beste: Irgendwann lichten sich die Reihen und wir sehen kaum noch Menschen. Ich bin mir sicher, sie sind Jule einfach alle voller Ehrfurcht aus dem Weg gegangen. Da gab es zwar irgendwo auch noch einen Wasserfall direkt bei den Myrtle Falls, aber der war im Vergleich zum mächtigen Berg im Hintergrund nicht der Rede wert.




Nun heißt es aber: Bloß schnell weg hier und uns die echten fahrbaren Highlights des Tages angucken!


Ich schwinge mich also wieder hinter das Steuer des „Dicken“ und ramme uns regelrecht aus dem unkoordinierten Wirrwarr von Fahrzeugen frei.


Ich wette, noch Stunden später kleben die Überreste von irgendwelchen Kleinwagen-Stoßstangen an unserer Front. Aber hey: 1:0 für den Camper.


Da wir eben schon eine absolut perfekte Aussicht auf die majestätischen Gletscher hatten, steuern wir nun den legendären Reflection Lake an.


Man flüstert sich in Camper-Kreisen ja zu, dass man hier nur an ganz, ganz seltenen Tagen das Glück hat, dass sich der Mount Rainier glasklar im Wasser spiegelt.


Meistens pustet der Wind die Spiegelung weg. Aber da Petrus ja heute nachweislich blau-weißes Blut bewiesen hat und absolut auf unserer Seite ist, warum sollte es nicht auch heute klappen?


Nach zehn Minuten Fahrt erreichen wir das Ufer – und siehe da: Das Wunder von Washington ist perfekt! Der Berg spiegelt sich so unfassbar makellos im Wasser, dass man oben und unten kaum unterscheiden kann. Wir schießen exakt drei Bilder, lassen die Kameras sinken und bleiben einfach wie angewurzelt am Ufer stehen. Wir genießen den Moment in voller Lautstärke (also in absoluter Stille). Gefühlte Stunden vergehen, in denen wir einfach nur auf dieses Meisterwerk der Natur starren...




Nun heißt es für heute leider endgültig Abschied nehmen vom Mount Rainier und die Rückfahrt antreten. Doch der Park hat noch ein paar Abschiedsgeschenke für uns parat: Es folgen noch viele Stopps und zwei weitere Wasserfälle.


Der erste Zwischenstopp bringt uns zu den Narada Falls. Der Parkplatz hier oben ist mittlerweile fast ausgestorben – die ganzen Selfie-Touristen liegen wahrscheinlich schon erschöpft im Hotelbett. So ergattern wir ohne neapolitanische Tricks den allerbesten Platz und spazieren gemütlich zur Aussichtsplattform. Der Wasserfall ist wirklich wunderschön anzusehen, wie er über die steile Felswand donnert.

Als Bonus können wir hier sogar noch eine Runde professionelle Vogelbeobachtung betreiben. Die kleinen gefiederten Freunde zwitschern uns ein astreines Abschiedsständchen.



Der nächste und letzte Streich für heute sind die Christine Falls. Und dieser Wasserfall ist noch mal Welten besser!


Schon direkt vom Straßenrand aus kann man ihn in seiner vollen, epischen Pracht bewundern. Aber das eigentliche Highlight wartet, wenn man den kurzen Pfad vom Parkplatz nach unten läuft: Von dort aus hat man das absolut perfekte Fotomotiv, bei dem der Wasserfall wunderschön von einer alten, rustikalen Steinbrücke eingerahmt wird. Ein absolut genialer, filmreifer Abschluss für den heutigen Tag!


Pünktlich mit dem feuerroten Sonnenuntergang im Rückspiegel verlassen wir diesen fantastischen – wenn auch tagsüber brutal überfüllten – Nationalpark. Und wir legen uns jetzt schon fest: In unserem persönlichen Nationalpark-Ranking landet der Mount Rainier definitiv ganz weit oben in den Top Ten!


Unseren Schlafplatz für die Nacht finden wir wieder mitten in der idyllischen Einsamkeit des National Forests. Hier schmeißen wir den Herd an, machen uns in der Pfanne das saftige Rindfleisch von gestern warm und blättern glücklich durch die Fotos auf den Kameras. Wir schwärmen immer noch in den höchsten Tönen von den Erlebnissen. Heute werden wir garantiert die herrlichsten, blau-weißesten Träume von dieser perfekten Kulisse haben. Gute Nacht, Welt!



Gefahrene Kilometer: 419

Davon Jule: 21




 
 
 

Kommentare


bottom of page