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Tag 18 - Die Luft ist raus

vor 2 Tagen
7 Min. Lesezeit

Montag, der 21. September 2026

Also zumindest nicht aus uns. Wir sind und bleiben motiviert.


Ausgerechnet heute verlieren wir durch den Wechsel in eine andere Zeitzone eine Stunde. Das bedeutet natürlich, dass wir besonders schnell aus den Federn müssen. Also machen wir uns zeitig auf den Weg – ganz ohne Wecker.


Denn nichts ist schöner, als morgens freiwillig aufzustehen, wenn man eigentlich noch wunderbar schlafen könnte.


Die ersten 120 Kilometer sind relativ unspektakulär. Wir fahren über die Autobahn und kommen an gefühlt tausend Baustellen vorbei. Überall wird gebaggert, abgesperrt, umgeleitet und gearbeitet.


Kurz gesagt: Wir fühlen uns sofort wieder wie zu Hause.

Deutschland lässt grüßen.


Nach den ersten 120 Kilometern verlassen wir irgendwann die Autobahn und machen eine kurze Pause. Wir steigen aus, vertreten uns die Beine und genießen die Umgebung.

Und dann hören wir es.


Ziiiiiiiiisch.


Wir schauen uns an.


Noch einmal:

Ziiiiiiiiisch.


Das Geräusch kommt von unserem Dicken.

Genauer gesagt vom hinteren inneren Reifen.


Fuck.


Genau das hat uns jetzt noch gefehlt.


Ein platter Reifen mitten in der amerikanischen Wildnis steht ungefähr genauso weit oben auf unserer Wunschliste wie ein Zahnarztbesuch während einer Weltreise.


Aber gut – was wäre ein echter Roadtrip ohne ein paar kleinere Probleme?


Und mit „klein“ meinen wir natürlich: hoffentlich bleibt es bei diesem einen.


Wir stehen irgendwo im Nirgendwo. Keine Werkstatt, keine Tankstelle, keine Menschenseele. Dafür jede Menge Landschaft.


Also beschließen wir, einen vollkommen ungeplanten und absolut nicht vorhersehbaren Fahrerwechsel zu machen.



Ich darf nun mit der Notrufnummer kommunizieren.


Das klingt zunächst einfacher, als es ist.


Denn irgendwo zwischen „Hello“, „Flat tire“ und meinem Versuch, möglichst souverän zu klingen, frage ich mich schon, ob mein Englisch gerade wirklich hilfreich ist oder ob die andere Seite einfach nur aus Höflichkeit nicht auflegt.


Erstaunlicherweise klappt alles erstaunlich schnell und gut.

„Schafft ihr es bis Kalispell?“


Wir schauen uns an.


Natürlich schaffen wir das.Da wollten wir sowieso hin.


Das ist übrigens eine der wichtigsten Regeln auf einem Roadtrip:

Wenn etwas kaputtgeht, muss man einfach behaupten, dass das sowieso auf dem Plan stand.


Wir tanken noch einmal preiswert und fahren weiter.

Dann übernehme ich wieder das Steuer.

Und genau in diesem Moment meldet sich unser Wohnmobil höchstpersönlich zu Wort.


REIFENDRUCK ZU NIEDRIG.

51


Die anderen Reifen haben 73.

Na wunderbar.


51 ist jetzt also unsere neue Lieblingszahl.


Die Anzeige lässt sich nicht wegdrücken. Sie verschwindet nicht. Sie ignoriert uns einfach konsequent.

Und während ich versuche, möglichst entspannt weiterzufahren, sitzt Jule neben mir und beobachtet die Anzeige.

Sekunde für Sekunde.

Kilometer für Kilometer.


Ich fahre.


Jule schaut.

50

47


Ich fahre weiter.


Jule schaut weiter.

46

45


Und plötzlich wird es still im Fahrzeug.


Nicht diese angenehme Stille, in der man die Landschaft genießt.

Nein.

Das ist diese Stille, bei der jemand innerlich bereits den eigenen Nachruf formuliert.


Bei Jule bilden sich langsam die ersten Schweißtropfen auf der Stirn.

Auch die Atmung verändert sich ein wenig.

Sagen wir es so:

Der Reifen verliert Luft und Jule verliert ihre Ruhe.


Ich dagegen bleibe tiefenentspannt.

Zumindest äußerlich.

„Das schaffen wir locker“, sage ich.

„Noch 130 Kilometer.“

Jule schaut mich an.

Ich wiederhole:

„Locker.“

Ich bin schließlich ein Mann mit einem Plan.

Mein Plan lautet:

Weiterfahren und hoffen.


Und tatsächlich könnte die Umgebung kaum schöner sein.

Wir fahren durch traumhafte Berge. Neben uns glitzern Seen und Bäche. Die Landschaft ist einfach unglaublich.

Normalerweise würden wir jetzt alle paar Minuten anhalten.

Foto machen.

Aussteigen.

Noch ein Foto machen.

„Guck mal da!“

„Warte, ich muss das fotografieren!“

„Oh mein Gott, ist das schön!“


Heute lautet unser Motto allerdings:

Bloß nicht anhalten.


Denn jedes Mal, wenn wir stehen bleiben, verliert unser Reifen noch mehr Luft.


Also fahren wir durch eine der schönsten Landschaften und dürfen sie nicht richtig genießen.


Es ist ein bisschen so, als würde man vor einem All-you-can-eat-Buffet stehen und hätte sich vorgenommen, nur daran zu riechen.


Immerhin ist unser Tank voll.


Das beruhigt mich.

Jule eher weniger.


Denn diesmal hoffen wir nicht, dass das Benzin bis zum Ziel reicht.

Diesmal hoffen wir, dass die Luft reicht.

Oder besser gesagt:

dass die Schraube im Reifen bleibt.

Denn solange die Schraube drinsteckt, verliert der Reifen nur langsam Luft.

Wenn sie allerdings beschließt, ihren Arbeitsplatz zu verlassen, ist Feierabend.


Dann wird aus unserem gemütlichen Roadtrip ziemlich schnell ein sehr ungemütlicher Parkplatzaufenthalt.


Die Zahl auf der Anzeige sinkt weiter.


Wir nähern uns Kalispell.

Und tatsächlich schaffen wir es.

Als wir endlich auf das Gelände der Vertragswerkstatt fahren, steht die Anzeige bei sagenhaften 23.


Der Reifen ist noch nicht platt.

Ich lehne mich zurück und denke mir:

Na bitte.


Ich habe doch gleich gesagt, dass wir das locker schaffen.

Jule sieht das vermutlich etwas anders.

Aber das ist ja das Schöne an Beziehungen.

Man muss nicht immer derselben Meinung sein.


Ein Mitarbeiter kommt direkt auf uns zu und nimmt sich unseres Problems an.

Wir sollen uns in den Wartebereich setzen.

Eine bis eineinhalb Stunden, ungefähr.

„Eine bis eineinhalb Stunden?“

Na gut.

Das klingt machbar.

Und dann entdecken wir den amerikanischen Wartebereich.

Und ich muss sagen:

Die Amerikaner wissen wirklich, wie man Menschen beschäftigt.

Jule beginnt mit der medizinischen Versorgung.

Fünf Kaffee.

FÜNF.

Nicht einen.

Nicht zwei.

Fünf.


Offenbar wird hier nicht repariert, sondern eine Koffeintherapie durchgeführt.


Die Kaffees sollen übrigens richtig gut sein.

Ich entscheide mich für eine andere Form der Beruhigung.

Popcorn.

Und zwar nicht irgendein kleines Tütchen.

Hier steht eine große, bereits vorbereitete Popcornmaschine.

Mit Butter.

Ich habe keine Fragen.

Ich drücke den Knopf.

Popcorn.

Butter.

Glück.

Zumindest für den Moment.



Dazu gibt es überraschend bequeme Sitze und sogar Fernseher.

„Friends“ läuft.

Später können wir auch noch „The Big Bang Theory“ gucken.

Also eigentlich könnte es schlimmer sein.

Sehr viel schlimmer.



Nur hat unser Aufenthalt ein kleines Problem:

Die Uhr.

Nach einer Stunde ist unser Reifen offenbar immer noch nicht wichtig genug.

Es passiert … nichts.

Gar nichts.

Wir warten.

Ich schaue auf die Uhr.

Dann schaue ich wieder auf den Eingang.

Dann auf die Uhr.

Dann wieder auf den Eingang.

Ich merke, wie mein ohnehin schon sehr kleiner Geduldsfaden langsam die Farbe wechselt.

Aus Geduldsfaden wird Geduldsfädchen.

Dann Geduldshaare.

Dann eigentlich gar nichts mehr.

Währenddessen sitzt man draußen und schaut auf das Wetter.

Und genau das macht es noch schlimmer.

Sonne.

Blauer Himmel.

Traumhafte Temperaturen.

Und wir?

Wir sitzen herum.

Man sieht dieses Wetter und denkt sich:


Wir könnten jetzt an einem wunderschönen Gletschersee stehen.


Stattdessen sitzen wir hier und warten darauf, dass jemand unserem Reifen ein Pflaster aufklebt.


Nach über zwei Stunden wird meine Stimmung langsam schlechter.

Nach zweieinhalb Stunden ist mein innerer Akku ungefähr bei drei Prozent.

Aber dann endlich:

Unser Dicker kommt.

ER IST WIEDER DA!

Und tatsächlich:

Der Reifen hat ein Pflaster bekommen.

Keine große Reparatur.

Kein dramatischer Reifenwechsel.

Einfach ein kleines Pflaster.

Unser gesamtes Abenteuer bestand also am Ende aus einem winzigen Stück Gummi.

Und das Beste:

Wir müssen nichts bezahlen.

Die Rechnung geht direkt an El Monte.

Sehr schön.

Ich beschließe, dass ich mir jetzt eine Belohnung verdient habe.

Also hole ich mir noch eine Tüte Popcorn.

Man muss Prioritäten setzen.

Jetzt heißt es wieder:

Vollgas.


Wir wollen unbedingt noch beim Visitor Center ankommen, bevor dort geschlossen wird.

Also fahre ich mit sagenhaften 105 km/h über den Highway.

130 km/h wären eigentlich erlaubt.

Aber nach unserem Reifenabenteuer möchte ich heute nicht unbedingt testen, wie sich unser Wohnmobil bei 130 mit einem reparierten Reifen anfühlt.

Also bleiben wir bei gemütlichen 105.

Wir kommen dem Visitor Center immer näher.

Die Uhr läuft.

Der Ranger ist offensichtlich schon dabei, Feierabend zu machen.

Und dann sehe ich ihn.

Er will die Tür schließen.

Nein.

Nicht heute.

Nicht nach diesem Reifen.

Nicht nach zweieinhalb Stunden Wartezimmer.

Ich gebe noch einmal alles.

Wir kommen auf den Parkplatz.

Bremsen.

Kurve.

Und wahrscheinlich sieht es von außen so aus, als hätten wir gerade an einer Verfolgungsjagd teilgenommen.

Der Ranger will die Tür schließen.

Aber ich bin vorbereitet.

Ich werfe unser Stempelbuch gekonnt zwischen die Türen.

Tür zu?

Nicht mit uns.

Nebenbei bekommt Jule noch einen kleinen Schubs.

Der Ranger schaut uns an.

Wir schauen ihn an.

Er schaut wieder uns an.

Und dann passiert das, worauf wir gehofft haben:

Mitleid.

Wir bekommen unseren Stempel.

Und sogar noch Informationsmaterial.

Mission erfüllt.


Nationalpark Nummer 11 in diesem Urlaub
Nationalpark Nummer 11 in diesem Urlaub

Nach diesem Erfolgserlebnis schauen wir uns noch kurz den Lake McDonald an.

Und was soll ich sagen?

Natürlich ist es wieder traumhaft.

Aber heute reicht es.

Der Tag hat uns genug Nerven gekostet.

Der Rest muss bis morgen warten.

Denn irgendwann ist auch bei uns die Luft raus.




Jetzt müssen wir nur noch unseren Schlafplatz finden.

Wir haben zwei Möglichkeiten und beide liegen am Wasser.


Beim ersten Platz kommen wir an einem Fluss vorbei.

Hier herrscht noch ordentlich Betrieb, aber für einen kurzen Fotostopp ist es perfekt.


Das Wasser ist unglaublich klar. Die Landschaft spiegelt sich darin,

und auch die Brücke sieht im Wasser fast noch schöner aus als in echt.


Eigentlich könnten wir hier ewig bleiben.

Aber wir haben heute gelernt:

Wenn man zu lange irgendwo stehen bleibt, könnte etwas kaputtgehen.

Also lieber weiter.


Beim zweiten Platz werden wir schließlich fündig.

Und hier passt einfach alles.

Wasser, Ruhe, Natur und einen Platz für unseren Tisch. Hier können wir super den Grill anschmeißen.


Mehr braucht ein erschöpfter Roadtrip-Mensch nicht.


Heute gibt es Teriyaki-Hähnchen, Backbohnen in BBQ-Soße und Kartoffelsalat.


Und nach diesem Tag schmeckt das Essen nicht einfach nur gut.

Es schmeckt wie eine Belohnung.

Für den Reifen.

Für die Nerven.

Für zweieinhalb Stunden Warten.

Für fünf Kaffee.

Für eine Tüte Popcorn.


Und vor allem dafür, dass wir tatsächlich dort angekommen sind, wo wir hinwollten.


Wir sitzen da, essen, schauen aufs Wasser und lassen den Tag langsam ausklingen.


Wenn man uns morgens gesagt hätte, dass wir heute erst um unseren Reifen bangen, dann zweieinhalb Stunden in einer Werkstatt verbringen, anschließend um einen Stempel kämpfen und am Ende am Wasser sitzen und Teriyaki-Hähnchen essen würden, hätten wir wahrscheinlich gesagt:


„Klingt nach einem ganz normalen Roadtrip.“


Und genau das ist es irgendwie auch.


Denn langweilig wäre ja schließlich viel zu einfach.

Und mal ehrlich: Was wäre ein echter Roadtrip ohne ein bisschen Drama, fünf Kaffee, eine Schraube im Reifen und eine ordentliche Portion Popcorn? 



Gefahrene Kilometer: 437

Davon Jule: 133





 
 
 

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