Tag 20 - Kootenai Forest
Mittwoch, der 23. September 2026
Guten Morgen Kanada!
Es ist tatsächlich schon unser dritter Mittwoch in diesem Urlaub, was heißt, wir können nicht gedankenverloren weiter einen fast ungeplanten Roadtrip mehr selbst bestimmen. Egal was kommt, wir müssen spätestens Donnerstagabend in Seattle sein.
Da es bis dahin ein ordentliches Stück zu fahren ist, wird heute unser langweiligster Tag. Wir hätten natürlich noch viel auf dieser Strecke bis dahin sehen können. Doch "wir" waren "eindeutig" dagegen.
Doch wenn "jemand" schon so knall hart gegen meinen Plan ist und dann so ein Ass aus seinem Ärmel zieht... Respekt. War anscheinend doch keine falsche Entscheidung, beim Standesamt nicht aus dem Fenster zu springen und zu sagen "ich hole mal schnell Zigaretten".
Trotz der Mammutstrecke (nein, leider diesmal keine Mammutbäume), schlafen wir aus. Da ich gestern vor 22 Uhr im Bett war, heißt ausschlafen um 5:25 Uhr.
Ich bewege mich leise wie eine Gazelle aus dem Bett, stolpere dabei über Jules ... Schuhe und haue das ganze abgewaschene Geschirr um.
Warum läuft man nicht wie jeder normale Mensch barfuß? Ich bin noch nie über meine "Hausschuhe" gelaufen, da ich gar keine besitze (oder bin ich nicht normal?. diese Frage lassen wir mal unbeantwortet).
Egal, die liebe Jule ist wach und denkt, ein Bär ist bei uns eingebrochen.
Genau deswegen hat sie nämlich die Schuhe so blöd hingestellt, damit er Stolpert und dann zum kuscheln ins Bett fällt. Okay, lassen wir das so stehen.
Auf meine Frage: " Was wäre passiert, wenn der Bär auf einen von uns fällt?"
Antwortet Jule nur: "Immerhin wäre dann das Geschirr nicht runter gefallen!".
Jut. So läuft also unser morgen ab, für die Leute die denken, das wir "normale" Menschen seien.
Oberstes Ziel für heute ist es, die amerikanische Grenze wieder erfolgreich zu überqueren, damit Frau "ich schlag die Serienkiller, mit meinen rumliegenden Schuhe nieder" endlich beruhigt ist und ich in den Graben fahren darf, ohne 5.364,25 € als Strafe zu bezahlen.
Die Grenze liegt 1,5 Stunden entfernt. Da wir gestern schon tanken waren und einkaufen sich hier nicht lohnt, rasen wir zur Grenzen hin. Wir nehmen unseren Touri Vorteil (genau deswegen fahre ich auch noch mit ein Dorf-Kennzeichen durch Berlin ) und ich "verwechsle" 100 km/h mit 100 mp/h. Kann ja wohl mal passieren, erst recht mit einem RV.
Dann kommt die Stunde der Wahrheit. Die Grenze kommt immer näher, Jule bekommt Schweißausbrüche. Was ist, wenn sie den Bären (der unter dem Auto geklebt ist) entdecken werden?
Die Ampel schaltet auf Grün und wir dürfen zum Häuschen fahren.
Pässe abgegeben. Der Polizist fragt ob wir was in Kanada geholt oder haben. Zum Beispiel ein Souvenir? Ein Bär gehört bestimmt nicht dazu, oder?
Er Lacht, wir lachen verschämt. Er denkt, es ist Spaß.
Nun werden unsere Pässe eingescannt und wahrscheinlich wurde nach zwei Sekunden Okay angezeigt, aber nun möchte der nette Beamte mit uns plaudern. Noch ist nicht viel los. Also unsere Reise bis jetzt erklärt und für die nächsten Tage.
Er ist vollkommen begeistert und freut sich, dass wir so viel Antworten. Nach 10 Minuten gibt er uns die drei Pässe zurück und wir sind endlich wieder versichert.
Nachdem wir in Eureka - wir sind nicht durch eine unsichtbare Barriere gefahren - einen kleinen Internetstop gemacht haben - wo Jule unser Frühstück gezaubert hat - starten wir in Richtung zu unserem ersten und einzigen geplanten Stopp heute.
Der Weg führt uns 45 Meilen mutterseelen alleine am Lake Koocanusa vorbei, der einfach kein Ende nehmen möchte. Wirklich kein einziges Fahrzeug kommt uns entgegen oder ist hinter uns.
Eine super schöne Strecke. Bis wir am Libby Dam ankommen.
Dort fahre ich unseren Dicken in den Wassergraben und wir lassen Bärchen in die Vereinten Staaten von Amerika. Hier gibt es nicht nur Ahornsirup, sondern auch einen Trump (mal gucken wann er wieder zurück will).
Danach kommen auch mehrere Menschen auf einmal am Parkplatz an.
Haben die das Gleiche vorhaben wie wir?
Wir grüßen uns freundlich und mit einem richtigen Gangsternicken geben wir uns zu verstehen: "Wir haben nichts gesehen, wenn ihr auch nichts gesehen habt".
35 Minuten später kommen wir an unserem einzigen Highlight vorbei. Den Kootenai Fall.
Wir stellen den „Dicken“ auf dem Parkplatz ab, schnüren die Wanderschuhe und starten die knapp vier Kilometer lange Expedition.
Und was soll ich sagen? Dieser Trail ist ein absoluter Traum für die Sinne! Der Weg schlängelt sich wie in einem Abenteuerfilm wunderbar verschlungen durch einen dichten, tiefgrünen Kiefern- und Zedernwald, in dem es so unfassbar gut nach frischem Harz und unberührter Natur riecht, dass man am liebsten den Waldboden einsaugen möchte.
Doch das eigentliche Nervenkitzel-Highlight lässt nicht lange auf sich warten:
Um überhaupt an den Fluss zu kommen, müssen wir über eine spektakuläre, abenteuerlich über die Bahngleise gebaute Fußgängerbrücke spazieren – und kurz darauf stehen wir vor der berühmt-berüchtigten Kootenai Falls Swinging Bridge!
Das ist eine im Wind verdammt lebendig schwingende Hängebrücke, die in schwindelerregender Höhe direkt über den reißenden, tiefblauen Kootenai River gespannt ist.
Jule klammert sich mit schockgeweiteten Augen am Drahtseil fest und versucht, die Contenance zu bewahren, während ich das hölzerne Konstrukt für das perfekte Action-Feeling natürlich extra ein bisschen in Schwingung versetze (Man will ja schließlich testen, ob die Statik hält!).
Nachdem wir die Brücken-Anarchie erfolgreich und ohne Herzstillstand überlebt haben, wandern wir direkt am tosenden Wasser entlang, bis wir schließlich vor dem majestätischen Haupt-Wasserfall stehen. Und heiliger Petrus, dieser Anblick haut uns komplett aus den Socken!
Die Kootenai Falls sind einer der größten unregulierten Wasserfälle im gesamten Nordwesten der USA. Das Wasser klatscht hier nicht einfach nur langweilig an einer glatten Kante nach unten, sondern donnert als gigantische, schäumende Masse über riesige, terrassenförmig abgestufte Felskaskaden mitten in einer wilden, ungezähmten Felsschlucht.
Die Gischt spritzt meterhoch in die Luft, bricht das Sonnenlicht in den schönsten Regenbogenfarben und erzeugt ein ohrenbetäubendes, mächtiges Rauschen, bei dem man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Ein absolut magischer, kraftvoller Ort, der so dermaßen Kulisse ist, dass hier sogar schon Hollywood-Blockbuster wie The Revenant mit Leonardo DiCaprio gedreht wurden! Nun ja, Leo war heute nicht da, aber dafür wir.
Natürlich kommt auch Flyspy bei dieser Kulisse absolut nicht zu kurz. Er darf im Aufwind der Schlucht einen kompletten Akku restlos verfliegen, zieht majestätische Kreise über den tosenden Kaskaden und liefert uns Luftaufnahmen, die so genial sind, dass National Geographic vor Neid erblassen würde.
Die Stunde, die wir an diesem Traumspot verbringen, bekommen wir übrigens ein paar Minuten später von Mutter Natur höchstpersönlich wieder zurückerstattet: Wir überqueren auf der Weiterfahrt nämlich wieder den Längengrad und wechseln die Zeitzone von der Mountain Time zurück zur Pacific Time! Wir reisen beim Autofahren also quasi eine Stunde zurück in die Vergangenheit.
Da sage noch mal einer, Zeitreisen wären physikalisch unmöglich!
Bis hierhin waren wir uns einig. Am Parkplatz entscheiden wir nun, wo wir jetzt hin fahren.
Ich bin klar dafür, dass wir Richtung North-Cascades-Nationalpark fahren. Diesen hatten wir zwar schon einmal gesehen und war der erste Park, den wir mit einem Camper besichtig haben, aber damals waren sehr viele Wege noch - durch den Schnee - gesperrt gewesen. Die Highlights konnten wir trotzdem sehen und auf dem Weg gibt es noch viele Wasserfälle (womit wir Zahl 40 gesehende Wasserfälle in drei Wochen) knacken könnten.
Für Jule ist es zu viel Stress, da wir ja morgen noch Koffer packen, den Camper sauber machen müssen (blut dauert anscheinend lange um es wegzumachen).
Eigentlich sind das super argumente, aber was machen wir denn dann morgen? Durch eine Stadt zu eiern mit dem Dicken? Darauf habe ich keine Lust.
Jule hat 35 Meilen mich zu überzeugen und es dauert ganze 5 Minuten, bis sie sagt, was wir dort morgen sehen könnten.
Okay, das war das Ass aus dem Ärmel (ich glaube insgeheim, hat das Jule schon lange genau so geplant).
Sie braucht gar nicht mehr sagen. So sind Wasserfälle, Nationalparks und wunderbare Natur vollkommen egal (jeden Falls am letzten Tag) und ich freue mich morgen riesig mit dem Dicken durch Seatlle zu eiern (wer was anderes behauptet, lügt).
Der Plan steht und wir fahren soweit wir heute können Richtung Seatlle.
Doch, da diese Stadt in Washington liegt, müssen wir noch einen Stopp in Idaho machen. Der Spritt ist billiger, beim Einkaufen brauchen wir keinen komischen Pfand/Steuern auf Plastik bezahlen und wir bekommen Plastiktüten gratis, die wir zum verpacken unserer ganzen Mitbringsel brauchen werden.
In Post Falls (hier gibt es gar keine Wasserfälle), tanken wir das vorletzte Mal und das letzte Mal sehr preiswert, zwar nicht so billig wie in Alberta (und auch diesmal war der Tank nicht leer), aber immer noch ein riesen Unterschied zwischen Washington.
Im Walmart holen wir unsere letzten Lebensmittel und gehen mit 10 Plastiktüten zufrieden zum Camper und fahren nun auf der Interstat 90 Richtung Sonnenuntergang und zu unserem Schlafplatz.
Dieser wird - wie der gesamte Tag - leider nicht so spektakulär - wie alles andere vorher, aber dafür können wir am letzten Tag das erleben, war irgendwie nach so viel Natur und tollen Erlebnissen genau der richtige Abschluss für uns Beide ist. Wenn das morgen wirklich so klappen wird, dann haben wir alles richtig gemacht, wenn nicht, ist Jule schuld.
Gefahrene Kilometer: 788
Davon Jule: 318




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